Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Referat über die Erziehungsarbeit 231 Umschichtung in den ersten Semestern noch immer möglich; zweitens zeigt diese Schwierigkeit, mit der wir kämpfen müssen, daß wir recht oft die Menschen zu spät erfassen, wenn es für sie kein Zurück mehr gibt. Wir müssen daher die Jugend, welcher unsere Arbeit gilt, möglichst früh zu erfassen suchen. Der Blau-Weiß hat nicht die Tendenz, sich stark auszubreiten, und ihn als Keilinstitut des K. J. V. anzusehen, ist falseh. Also müssen wir uns selbst unsere Jugendgruppen schaffen. Die Gründung von Schülergruppen muß rasch in Angriff genommen werden. Dieser Arbeit werden sich unsere Allerbesten und Stärksten, widmen müssen. Und wenn ich sagen sollte, welches unser höchstes und letztes1 Er ziehungsideal sein soll, so wüßte ich kein besseres, als das Ideal, welches Plato als das vollkommenste Bild des Mannes vorschwebte. „Wohin sich jemand auch stellt, aus eigenem Antrieb oder auf Befehl eines andern, da muß er stehen und ausharren und darf nichts fürchten, weder den Tod noch sonst etwas außer der Schmach." Wir nennen uns Anhänger der zionistischen Idee. Das bedeutet, daß wir uns freiwillig aus eigenem sittlichen Entschlüsse auf einen Posten gestellt haben; in dem Augenblicke, in dem wir uns auf unseren Posten gestellt, hat unser ganzes Fürchten und Hoffen nicht mehr unserem Ich, sondern nur allein unserer Idee zu gelten, und nun heißt es für uns, ausharren, und nun gibt es für uns nichts anderes zu fürchten, als die Schmach, die wir Zionisten auf uns laden, wenn wir nicht fähig sind, Opfer zu bringen, wenn wir nicht unsere Pflichten bis zum äußersten erfüllen. Diesem Erziehungsideal nachzukommen sei unsere einzige. Aufgabe. Aus ihr folgt mit Notwendigkeit alles andere. Ich halte es daher für falsch, wenn heute einzelne Spezialaufgaben als das einzige Ziel des K. J. V. dargestellt werden. Es ist falsch, zu sagendes sei jetzt die einzige Aufgabe des K. J. V., eine neue Ideologie zu schaffen, da es dem Zionismus an einer geistigen Begründung gegenüber den die Menschheit heute bewegenden Strömungen fehle. Es ist aber ebenso falsch, die Erziehung zur Berufsumschichtung als die einzige Aufgabe des K. J. V'/ anzusehen, und die Gliederung * des Kartells in nach Berufen gegliederte Arbeitsgruppen vorzunehmen. Diese Gruppen haben ihre Berechtigung, soweit sie außerhalb des Rahmens der Verbindungen die sie besonders bewegenden Fragen der beruflichen Ausbildung zu lösen suchen. Die kürzlich erfolgte Neugründung der Arbeitsgemeinschaft von Lehrern ist durch* aus zu begrüßen und ich hoffe, daß auch andere Berufe zu ähnlichen^ Arbeitsgemeinschaften sich zusammenschließen werden, um sich über ihre zionistische Zukunft Klarheit zu verschaffen. Eine Einteilung aber der Verbindungen nach beruflichen Gesichtspunkten und die alleinige Einstellung auf die berufliche Ausbildung führt zur Zersplitterung des Kartells. Wenn wir unser Erziehungsziel erreicht haben, so muß alles andere mit Notwendigkeit erfolgen. Der K. J. V. er, der diesem Erziehungsideal nahe ist, wird, weil sein moralisches Bewußtsein ihn dazu treibt, einen zionistischen Beruf ergreifen, er wird Hebräisch lernen und er wird, an folgerichtiges Denken gewöhnt; seine Ohren nicht vor den Fragen der Urwelt verschließen, und bei der Auseinandersetzung mit ihr sich eine geistige Begründung seines Zionismus zu schaffen wissen. Anstatt daher die ganze Kraft des Kartells auf die Lösung von Einzelaufgaben zu konzentrieren, deren Wichtigkeit allerdings in fiesem Augenblick nicht zu leugnen ist, sollen wir unsere ganze Kraft der Erziehungsarbeit widmen.