Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Referat über die Erziehungsarbeit 225 häuser, den Kampf gegen das Karäertum, das Auftreten der Exilsfürsten und, Gaonim, die Kodifizierung der halaehischen Vorschriften und viele andere Dinge auf diesen einen, im Volke lebendigen Willen zurückführeil können. Am schwersten ist es, für die älteste Geschichte, eine in jedem Punkte einheitliche Auffassung zu finden. Auf der einen Seite steht hier <iie Auffassung der Orthodoxie, auf der anderen die Auffassung der modernen Bibelforscher, dazwischen gibt es die mannigfachsten Übergänge. Ich halte es für falsch, ganz bestimmte Bücher als die Bücher des Kartells und ganz bestimmte wissenschaftliche Auffassungen als die Auffassung des Kartells anzunehmen. Vor allem möchte ich raten, an die Werke der neuen Bibelwissenschaft mit größter Kritik heranzugehen, da die meisten mehr oder weniger eine ganz bestimmte Tendenz verfolgen. Der christliche Theologe sieht in der Gesetzgebung einen Abweg von dem eigentlichen prophetischen Judentum^ dessen Fortsetzung seiner Meinung nach das Christentum bildet. Er wird deswegen bestrebt sein, sämtliche gesetzlichen Bestimmungen des Pentateuch auf eine möglichst späte Geschichtsperiode anzusetzen. Es ist traurig, daß über [ene Zeit noch kein national-jüdischer Forscher geschrieben hat. Am besten ist daher, wenn wir immer wieder im Verlaufe eines Kurses auf die Geschichtsquellen zurückkommen, so gewinnen wir am deutlichsten eine Vorstellung über die Zustände und Entwicklung der politischen und geistigen Strömungen während der verschiedenen Geschichtsperioden. Bei der Fülle des Stoffes sollen wir hauptsächlich nur solche Stellen lesen, welche für den zu behandelnden Stoff am charakteristischsten sind. Dies gilt nicht nur von der biblischen, sondern auch von der talmudischen Literatur, um welche man sich bei uns noch viel zu wenig kümmert. Es wäre eine verdienstvolle Arbeit eines mit der talmudischen Literatur vertrauten Bundesbruders, ein Verzeichnis der Stellen anzufertigen, welche am charakteristischsten für die Behandlung eines bestimmten Stoffgebietes sind. Wie ich mich bei Prüfungen überzeugt habe, vermögen che wenigsten Bundesbrüder selbst mit ganz grundlegenden Begriffen, welche sie aua den Geschichtsbüchern gelernt haben, irgendwelche Vorstellungen zu verbinden, z. B. vom Verhältnis der Vorschriften des Pentateuch, zu denen der Mischnah * von dem Unterschiede zwischen Halachah und Hagadah. Es ist leider wahr, daß über solche Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, noch Unklarheiten herrschen. Es genügt, hier nur einige wenige, aber ganz prägnante Stellen ab Beispiele zu sammeln, um den Lernenden von diesen Begriffen eine ganz bestimmte Vorstellung zu geben. Dasselbe gilt auch für spätere Geschichtsperioden und sogar für die neueste Zeit. Es kommen in der letzteren nicht nur jüdische, sondern auch fremde Quellen in Betracht, z. B. für die Emanzipation der Juden in Deutschland die betreffenden Gesetzesverordnungen der deutschen Staaten oder Reden und Aufsätze der damals lebenden Staatsmänner über die Judenfrage. Der Geschichtsunterricht wird auch weiterhin so erteilt werden; daß die Bundesbrüder bis zum Burschenexamen einen Überblick über die gesamte jüdische Geschichte gewinnen. Für die Burschen käme dann die genauere Durcharbeitung einzelner, sie besonders interessierender Perioden an Hand von wissenschaftlichen Werken und Quellen in Betracht. Eine solche Arbeitsgemeinschaft bildete sich im letzten Semester in der Kadimah Bonn, und bearbeitete mit gutem Erfolge die Geschichte der Emanzipation. Es wäre erfreulieh, wenn auch in Zukunft an anderen Verbindungen sich solche Arbeitsgemeinschaften bilden würden. Ich werde dann am Ende eines jeden Semesters um Einsendung der Verzeichnisse der für die Arbeit verwandten Werke mit Angabe der für die Darstellung eines bestimmten Stoffes wertvollsten Stellen bitten. Dadurch wird anderen Verbindungen, welche eine ähnliche Arbeit * leisten würden, Anregung hierfür gegeben und die Arbeit erleichtert Zuletzt möchte ich auch noch auf den erzieherischen Wert dieser Arbeitsgemeinschaften hinweisen, da sie zu einer disziplinierten und gründlichen^ Art des Lernens hinzuwirken vermögen.