Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Eindrücke von der Chargtertentagung . Von D. Nachmannsohn, Königsberg Zu der nachstehenden Ausführung möchte ich einleitend bemerken, daß ich lediglich meiner Stimmung Ausdruck geben will gegenüber den Ansichten, die Lelewer und Löwenstein, beide sicherlich aus besten zionistischen Absichten, auf dem Chärgiertentag geäußert haben. Man hatte den Eindruck, als ob es 2 Gruppen gäbe: „Hier Lelewer, hier Löwenstein." Die eine Gruppe betrachtete als Hauptaufgabe des K. J. V. die Schaffung einer starken Diaspora, die andere um Löwenstein die Vorbereitung iür Palästina, der Gegensatz zwischen beiden lag zweifellos in der Betonung. Demgegenüber glaube ich an eine Synthese, glaube ich, daß beides in gleicher Stärke nebeneinander gehen muß. Bis zum Kriege stand im Mittelpunkt des Kartellebens die Auseinandersetzung mit der Idee. Man suchte ein zionistisches Erlebnis gedanklich zu fundieren, die zionistische Theorie nach allen Richtungen hin auszubauen und zu vertiefen. Kämpf gegen die Assimilation, das „Ringen um die Seele des deutschen Judentums" spielte demnach eine außerordentlich große Rolle. Ziel der Erziehung war ein menschliches Idealbild, der feste zuverlässige Charakter, jederzeit bereit, sein Wohl dem Wöhle der Gesamtheit unterzuordnen, jederzeit bereit, sich dem Dienste der Gesamtheit zur Verfügung zu stellen und den ihm zugewiesenen Posten getreulich auszufüllen. Dieses Erziehungsideal, das uns Olitzki auf der Tagung auch vorhielt, ist geblieben. Aber unsere Aufgaben heute sind mannigfaltiger, die Strömungen bei uns zahlreicher geworden. Der Aufbau Palästinas hat begonnen. Und da ist es unsere Aufgabe, aktiv teilzunehmen. Wir können nicht Z i o n -ismus propagieren, ohne selbst uns darauf einzustellen, nach Zion zu gehen. Wenn wir an uns selbst nicht verwirklichen, was wir von den anderen fordern, verlieren wir unsere revolutionäre Stoßkraft, verliert unsere Bewegung ihren revolutionären Charakter. Bis zum Kriege war das Bekenntnis zur zionistischen Idee eine revolutionäre Tat, heute, am Anfang der Verwirklichung, ist es ihre Ausführung, d.h. das Hinübergehen nach Palästina. Es ist gleichgültig, ob Löwenstein mit seiner Behauptung, der deutsche Zionismus bilde das wertvollste Chaluzmaterial, recht hat oder nicht, aber der Einwand Lelewers, daß wir zu gering an Zahl seien, um in die Wagschale zu fallen gegenüber den Massen des Ostens, daß daher bei der Schwierigkeit der Umstellung, besonders für Ältere Palästinaeinstellung gar nicht unsere Hauptaufgabe sei, daß es eine Unwahrhaftigkeit sei, eine Forderung zu erheben, die wir doch nicht erfüllen könnten, ist meines Erachtens falsch. Denn erstens bezieht sich die Forderung der Palästinensierung in erster Linie auf die, die erzogen werden sollen und nicht auf die, die bereits erzogen sind. Wenn wir den in der Regel mit 18 Jahren zu uns kommenden Abiturienten im Laufe eines Jahres zu einem radikalen Zionisten mit glühender Palästinasehnsucht erziehen, so glaube ich wohl, daß er sich dann noch jung genug fühlen wird, sich in seinem Studium umzustellen. Wie das in den verschiedensten Berufen möglich ist, ist ein Problem,, das heute im Vordergrund der Diskussion steht oder stehen sollte, in viel stärkerem Maße als bisher. Offenbar läßt es sich heute nicht mit Bestimmtheit voraussagen, welches der sogenannte jüdische Beruf ist, da die Lage in. Palästina vollkommen ungeklärt ist. Alle bisherigen Parolen haben sich als trügerisch erwiesen. Neigung Und Befähigung müssen also bei der Wahl vor allem ausschlaggebend sein; Aber das Entscheidende ist die Einstellung zum Beruf: ihn nicht als. Mittel der Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse aufzufassen» sondern als Weg, iür das jüdische Volk in der Diaspora oder in Palästina tätig zu sein, mit dem unbedingten,