Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Zur Kartellage liehe Tätigkeit jeder Art, deren Bedeutung für den Aufbau Palästinas ohne jede Hemmung in unserem Kreise grundsätzlich bejaht werden muß. Es steht heute fest, daß Palästina auf privatwirtschaftlicher Grundlage errichtet werden wird, da die großen Aufgaben, die uns, abgesehen von der landwirtschaftlichen Kolonisation gestellt sind, lediglich auf privatkapitalistischer Basis gelöst werden können. Erinnert sei hier nur an das vor der Verwirklichung stehende Projekt der Schaffung elektrischer Energien durch Ausnutzung der Wasserkräfte des Landes, zu dessen Durchführung ein Kapital von 2 Millionen Pfund erforderlich sein soll. Auch die landwirtschaftliche Kolonisation ist' zu einem erheblichen Teil von einer Beteiligung des Privatkapitals durch die Hergabe von Hypothekenkrediten abhängig. Es ist selbstverständlich, daß alle privatwirtschaftlichen Möglichkeiten, die von jüdischer Seite nicht erfaßt werden, von nicht jüdischem Kapital aufgegriffen und zum Schaden der jüdischen Position im Lande ausgewertet werden dürften. Diese Erkenntnis führt zu der praktischen Folgerung, daß in privatwirtschaftlichen Berufen*) (Handel, Industrie, Bankwesen, Speditionsgeschäft usw.), soweit sie den Bedürfnissen des Landes entsprechen, " ein außerordentliches Betätigungsfeld im Interesse des Palästina-Aufbaues sich bieten wird. Wenn wir uns überlegen, warum trotz dieser klar zu Tage* tretenden Tatsachen eine Anerkennung der privatwirtschaftlichen Berufe vom Gesichtspunkte der zionistischen Berufsberatung aus. bisher nicht erfolgt ist, so werden wir finden, daß ein psychologisches Moment hierfür hiaßgebend ist. Die Tendenz unserer Erziehung stand in letzter Zeit stark unter dem Einfluß sozialistischer Gedankengänge. Vom sozialistischen Standpunkt aus wurde der kapitalistische Aufbau Palästinas zurückgewiesen. Berufe privatwirtschaftlicher Natur erschiene^ wenn sie in- Zusammenhang mit demPalästina-Aufbau gebracht wurden, als unzionistisch, und darum als unannehmbar. Diese stimmungsmäßige Berufsbewertung, die mit den klaren Erkenntnissen der augenblicklichen Notwendigkeiten für den Palästina-Aufbau im Widerspruch steht, muß abgelehnt werden. Es muß festgestellt und deutlich ausgesprochen werden, daß ein sozialistisches Bekenntnis mit der zionistischen Wirklichkeit nur schwer vereinbar ist, und daß bei voller Würdigung aller sozialen Bestrebungen und aller Bemühungen zur Verhinderung kapitalistischer Auswüchse jede Vermengung des Aufbauprogramms mit sozialistischen Theorien als gefährlich zu bezeichnen ist. Die Stellung des einzelnen zum Sozialismus ist daher kein Maßstab für seine zionistischen Qualitäten, und die Berufsberatung des Kartells muß von jeder, auch nur gefühlsmäßigen Wertung, nach sozialistischen Maßstäben freigehalten werden. *) Dieser Ausdruck, der auch im folgenden wiederholt gebraucht wird, ist der Kürze halber gewählt. Gemeint sind Berufe, die auf privatkapitalistischer Initiative beruhen.