Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Preuss, Bericht des Erziehungsressorts 133 3. Erziehung und Nachlassen des Gemeinschaftsgefühls Für unser Korporationsleben ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, auch folgendes zu bedenken. Der bei den Besten starke Intensivierungswille und die persönliche Einstellung auf Palästina hat überall zu einer bedenklichen Auflösung des korporativen Zusammenhanges geführt; für diese für die Zukunft des K. J. V. außerordentlich wichtigen Erscheinungen lassen sich etwa folgende Gründe anführen: a) Während früher die starke Sehnsucht nach dem Erlebnis unwillkürlich zur Gemeinsamkeit drängte, weil die Zeit an sich schon einen viel bourgeoiseren Charakter trug, führt die heute an Sensation überreiche politische Lage bei vielen ein wachsendes Ruhebedürfnis herbei, ein Zustand, der an sich gemeinschaftstötend wirkt. b) Die wirtschaftliche Lage nötigt allzu viele Bundesbrüder, mehr als ihnen lieb ist, an sich und ihre pekuniäre Zukunft zu denken und führt sie allzufrüh aus der Gemeinschaft heraus. c) Die Gewißheit nach Palästina, zu kommen, verbunden mit der Unmöglichkeit klar in die Zukunft zu sehen, zwingt die besten Bundesbrüder, mehr als je an die persönliche Vorbereitung auf Palästina zu denken. So werden sie der Gemeinschaft und der Organisation entzogen. Es ist heute bereits soweit, daß die zionistische Organisation nicht mehr die Menschen findet, um die wichtigsten Stellen zu besetzen, obwohl man glauben sollte, daß die Bundesbrüder hierin eine primäre Berufspflicht sehen. Es ist sehr schwer, hier einen Ausweg zu finden. Jedenfalls tragen diese Gründe, zu denen sich wohl noch andere finden ließen, dazu bei, das Gemeinschaftsgefühl unserer Korporationen zu erschüttern. Man muß sich erst einmal über die Gründe dieser Zustände klar werden, um hier Abhilfe zu finden. (Symptom: keine Lust zum Keilen, Widerwille gegen die nötige Korporationskieinarbeit, mangelnde Kraft, gegen den Antisemitismus aufzutreten, geringe hebräische Arbeit usw.). Eine Reihe von den Gründen tragen es in sich, daß erst mit ihrem Fortfall auch die Wirkungen beseitigt werden. Sie werden aber vorläufig nicht fortfallen. Vielleicht hat die Gründung des B. Z. K. das Gute, daß unsere Bundesbrüder dazu angespornt werden, zu sagen: Wir sind die Besseren, wenn wir die persönliche Verpflichtung noch mehr stärken. Zu einem Pessimismus, wie ihn Hans Oppenheim zum Beispiel im vorletzten J. St. äußerte, liegt selbst bei den ungünstigsten zionistischen Verhältnissen kein Grund vor. Es wird nach wie vor für jeden, der ernsthaft will, die Möglichkeit bestehen, nach Palästina zu kommen. Wir haben nur eine Warfe, um diesen Willen zu stärken : Erziehung. Erziehung gegen Individualismus und Bequemlichkeit. Hierin bleibt das alte Erziehungsziel vom B. J. C. und K. Z. V. unverändert. Das wird oft vergessen. Nur die Aufgaben sind gewachsen: Jüdische Intensivierung, Erhaltung und Fortführung der Gemeinschaft, persönliche Einstellung auf Palästina, innere und äußere Arbeit. Eine einseitige Hebräisierung mit dem Resultat: Zerstörung der Korporationen durch zu großen (freilich jüdisch bedingten) Individualismus hilft uns auch nicht vorwärts, weil wir dann keinen Nachwuchs haben werden, ebensowenig natürlich reine Korporationsarbeit ohne Hebräisierung. Alle Kräfte werden angespannt, wenn Wandern, Sport und Rudern in straffster Weise gleichfalls ihr Recht haben. Dies ist die einzige Möglichkeit, Gemeinschaft zu bilden, und doch zu persönlicher Palästina-Arbeit genügend Zeit zu lassen. Mir ist klar daß all dies keine definitiven Lösungen sind. Aber schon die Problemstellung soll die Bundesbrüder zum Handeln veranlassen und zur Belebung des Semesters beitragen. Die Arbeit des Erziehungsressorts ist freilich eine ganz unnötige, wenn die Bundesbrüder alle diese Fragen lesen und das Gelesene geistig ad acta legen. Hier ist eine intensive Mitarbeit erste Notwendigkeit.