Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Wolff, Gedanken über die zionistische Dienstpflicht b) Gedanken Uber die zionistische Dienstpflicht im K. J. V. Von Fritz Wolff, München. Man kann bei der Frage über die zionistische Dienstpflicht dieses Problem von zwei Seiten aus betrachten. Man muß einerseits berücksichtigen die rein praktischen Forderungen der zionistischen Organisation, die mit ihren nackten Tatsachen und statistischen Materialien schnellste und durchgreifendste Lösung erheischen. Für denjenigen, der besonders einmal außerhalb Berlins in den Provinzstädten die Tätigkeit der zionistischen Organisationen mit all ihren Unterabteilungen beobachten konnte, für den ist es vollkommen klar, daß die meistenteils mangelhafte Arbeitsfähigkeit dieser Stellen ihren hauptsächlichsten Grund in dem Fehlen solcher Menschen hat, die sich der zionistischen Arbeit voll und ^ganz hingeben können. Es ist heute wohl rast nirgends mehr der Fall, daß die am Orte wohnenden Juden unseren Ideen so abhold sind, daß jegliche Beeinflussung unmöglich wäre. Ganz sicher gilt dies dort, wo es sich um die Gesinnung der jüdischen Jugend handelt. Das Verlangen nach arbeitswilligen Leuten ist ja im übrigen eine Forderung, die überall da gestellt werden wird, wo Ideen durch Menschen zu vermitteln sein werden. Es erhebt sich hier die Frage, woher es kommt, daß bei der doch ziemlich großen Zahl unsrer Anhänger so unverhältnismäßig wenig Menschen vorhanden sind, die mit ihrem Arbeitswillen gleichzeitig die nötige Arbeitsfähigkeit verbinden. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, daß von den in den letzten Jahren aktiv gewordenen Bundesbrüdern — dies gilt übrigens für die anderen Organisationen auch — nur eine ganz verschwindend kleine Anzahl die gerade jetzt so bitter notwendige zionistische Tatkraft aufbringen kann. Ich möchte an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen, wo hierbei meines fZrachtens der Fehler der Erziehung liegt; mir scheint u. a. ein Hauptgrund darin zu bestehen, daß die in den letzten Tagungen ganz besonders betonte Forderung nach dem Manne, der in seinem Beruf das letzte leistet, von den meisten Kreisen vollkommen falsch verstanden worden ist: Beruf erfüllen heißt wirklich nicht das Maß der obligatorischen Verpflichtungen durch eine gewisse Mehrleistung zu überschreiten. Die Menschen, die ihren Beruf leben, werden meistens gerade von den pflichtmäßigen Forderungen z. B. der Universität sehr wenig ergriffen werden, für sie wird die Arbeit in ihrem Beruf auf einem ganz anderen viel individuelleren Gebiet liegen. Wenn das unsern Universitätsfanatikern einmal klar würde, dann würden die Bedenken, die von solcher Seite gegen die Einführung der Dienstpflicht angeführt werden, recht bald beseitigt werden. Andere Gründe, die zwar psychologisch interessanter sind, aber darum auch einer längeren Behandlung bedürfen, müssen zunächst hier außer acht gelassen werden. Ich bin nun bei dieser Betrachtung schon auf das Gebiet gekommen, das mir vom Standpunkr der K. J. V.-Erziehung ganz besonders untersuchenswert erscheint. In der ganzen zionistischen Bewegung, vornehmlich aber im K. J. V., gilt als oberstes Dogma: Die Grundlage unsrer Erziehung ist die Betätigung in der zionistischen Bewegung. Es ist selbstverständlich, daß damit nicht gemeint ist, jeder neu eintretende Bundesbruder solle sofort zionistische Außenarbeit übernehmen. Es ist ganz klar, daß diese Erziehungsmethode nur für die Menschen gilt, die den Zionismus in seiner Idee und mit seinen Anschauungen zumindestens schon begriffen haben. Berücksichtigt man also jetzt nur die Menschen dieser Art, so gilt eben für sie die allbekannte, vollkommen richtige, in ihrer Praxis leider nur zu wenig erprobte Theorie der Gemeinschaftsbildung durch die Arbeit an der gemeinsamen Idee. Darüber zu sprechen wäre überflüssig; diese Theorie kennt jeder und an sie glaubt jeder. Es wäre für diese Ueberlegung auch zunächst vollkommen gleichgültig, ob die Arbeit freiwillig oder