Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1920)
- Date
- 1920-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Oppenheim, Einige Bemerkungen zu unserer innern Situation sahen in unserer Seele ein Land, eine neue Heimat, mit der wir uns eins fühlten. Dieses Erlebnis war so mächtig, daß wir zuerst garnicht den Zwiespalt spürten, der zwischen dem Alten und dem Neuen lag. Erst später begann der geistige Prozeß der Loslösung vom Deutschtum. Ein Stück nach dem anderen bröckelte ab, ein Band nach dem anderen zerriß —, umi heute haben wir jeden realen Boden unter den Füßen verloren. Was uns allein aufrecht erhält ist ein Wechsel auf die Zukunft. Wird er eingelöst werden? Das ist unsre brennendste, das ist die Frage. Es wäre billig, hier bei dieser durchaus nicht sentimental gemeintem Darstellung eines inneren Vorgangs eine Wertuug des Zionismus des Einzelnen anzustellen. Es gibt auch hier eine Art von Autosuggestion, welche das Endziel zur Realität erheben möchte. Wir wollen uns nicht selbst täuschen: Gelingt es uns nicht in den nächsten Jahren, wenn auch nur einen kleinen Teil unserer palästinensischen Hoffnungen in die Tat umzusetzen, dann ist diese Generation jedenfalls innerlich ruiniert. Wir können uns nicht abfinden, denn wir haben innerlich die Brücken hinter uns abgebrochen. Hier aber liegt die große Verantwortung unserer Führer. Die jüdischen Massen des Ostens, die viel mehr aus materieller als aus ideeller Not sich von ihren Wohnsitzen fortsehnen, werden leicht ein anderes Ziel ihrer Emigration finden, wenn ihnen Palästina noch lange verschlossen bleibt. Anders wir, die wir alles auf eine Karte setzen müßten. Es ist von schwerwiegender Bedeutung gerade für uns, wenn wir von den Beschränkungen der Einwanderung auf Jahre hinaus hören, wenn wir uns sagen müssen, daß auf lange Zeit hinaus die Existenzmöglichkeiten drüben für uns gleich Null sind, wenn an unser nationales Pflichtbewußtsein appelliert wird, unsere Uebersiedlungspläne weit hinauszuschieben. Ich möchte es aussprechen: Palästina ist für uns Zukunft und Erfüllung, Arbeit und Feierstunde, Leben und Grab, Familie und Gemeinschaft„ Licht und Wärme, Heimat und Erdgebundenheit, Rückkehr und Geborgensein —, Palästina ist Alles was wir noch erhoffen. Zerbricht das Alles, geht es nicht an uns persönlich in Erfüllung, dann? werden wir nicht mehr den Mut und die Kraft haben, eine weitere Generation den gleichen Leidensweg gehen zu lassen. Nur unentwegtes Vertrauen gibt uns und darf uns die Verantwortung für eine Berufsumschichtung und Berufsberatung geben. Schon heute eigentlich ist da ein Stocken und eine Verwirrung zu spüren. Auf einer der letzten Präsidialsitzungen der nationaljüdischen Jugendorganisationen sprach man über dieses Thema. Man mußte zuletzt zugeben, daß man im Grunde selbst an den orientierten palästinensischen Stellen nichts Endgültiges wisse. Neue Berufsmöglichkeiten wurden genannt, alte verworfen. Und wieder stürzt sich eine Jugendgeneration auf diese neuen Anregungen, lernt und lernt und wartet und wartet —, und zuletzt soll wieder alles umsonst gewesen sein?! Der Bogen ist bis zum Letzten gespannt. Können unsere Führer die Verantwortung dafür wirklich übernehmen, wenn der Bogen brechen sollte? — Uns kann nicht mehr geholfen werden, wenn unser Palästina eine Fata Morgana gewesen ist! Wir werden niemals eine Heimat gehabt haben, und unsere stärkste Kraft wird nutzlos verschwendet sein. Aber es ist sehr