Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1920)
- Date
- 1920-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Simon I, Der Kartelltag und das Kartell 45 sich andererseits häufig Dinge, die den falschen Eindruck erwecken kannten, unser Bund sei in seinen Entscheidungen -iicnr von persönlichen Eindrücken und Wirkungen als von der Durchschlagskraft der Idee und ihrer Vertreter -abhängig. So konnte man häufig beobachten, dai3 dieselben Leute nach zwei sachMdh ganz entgegenwirkenden Peferaten oder Diskussionsreden mit derselben (Begeisterung und Frische klatschten und trampelten, onne sich anscheinend über die Bedeutung derartiger Beifallsäußerungen ganz klar zu sein. 60 -auch ist es zu verstehen, daß die Mehrheit des Kairtelltags gelegentlich „falsch", das heißt im Gegensatz zu ihrer eigentlichen Meinung, abstimmte, weil leine rührende Rede oder ein gelungener Schluß sie für Augenblicke aus der Bahn der leitenden» Idee herausgeworfen hatte. Es ist iaus den Veröffentlichungen des Präsidiums bekannt, daß ein ähnlicher Anlaß einmal zur zeitweiligen Demission Blumenfelds geführt hat, die meiner Ansicht allerdings ebenso falsch war wie die vorhergehende Zustimmung. Immerhin hat wohl auch ^diese so unerfreuliche Eipsode ihr Gutes gehabt und den Bundeshrüdern gezeigt, daß etwas weniger „jüdisches Herz" und etwas mehr Ueberlegung häufig am Platze sind. * . * * Trotz dieser Schattenseiten war deir Kartelltag gut. Er hatte zwei positive Kennzeichen, deren Vereinigung selten und besonders fruchtbar ist: er war eine Tagung der Jugend und zugleich eine Tagung der Arbeit. Nie zuvor mag der Prozentsatz der Aktiven so groß gewesen sein wie diesmal, und selten wohl ist soviel Dauerndes und Wertvolles für unseren Bund geschaffen, erarbeitet worden. Wiir hatten uns in Frankfurt a. M. drei große Aufgaben (gestellt, und sie — wie ich glaube — gelöst. Es galt die Organisation des Kartells, sein inneres Leben und seine Wirkung nach außen zu besprechen und die Ergebnisse in Beschlüssen festzulegen. Jeder sieht, daß diese drei Gebiete höchstens theoretisch voneinander zu trennen sind, in Wahrheit im engsten Zusammenhang stehen. Es ist 'din weiterer Beweis für unser auf die Idee gerichtetes Gemeinschaftsleben, daß dies Gefühl für 'die Zusammengehörigkeüt aller unserer Probleme, das heißt also für die Wichtigkeit auch der kleinsten Fragen, stets und bei allen (lebendig war. Die Organisation des Kartells steht nun fest; dafür bürgt ein gutes und sorgsam durchberatenes Statut, das wir im wesentlichen wohl dem Fleiß und Geschick Arthur Steins in \endanken haben. Es ist trotz gewisser Mißstände — besonders in der Frage des Doppelstimmrechts der Alten Herren — ein „fester und doch elastischer" Rahmen für das Kartell, wie es htute ist. Die Möglichkeit, die Bestimmungen ohne qualifizierte Majorität jederzeit zu ändern, ließ der K. T. ausdrücklich offen und zeigte dadurch, daß er an neue, große EnrWicklungsmöglichkeiten des K. J. V. glaubt. Denn wir sind nicht für das 'rratui da, sondern das Statut für uns. In derselben Weise trägt die neue F inanzo r d n u n g den immer steigenden Ansprüchen des Kartells Rechnung und geht durch ihre prozentuale und steuermäßige Erfassung der größeren Einkommen von der „formalen Demokratie" gleicher, d. h. also ungleicher Beiträge, für alle zu einer wirklichen Gleichheit der Belastung über.