Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 4 (August 1920)
- Date
- 1920-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Außenarbeit sehen Kultur fordern; wenn sie die Universität zur ancilla rei publicae stempeln wollen, untergraben sie den Geist, wissenschaftlicher Unabhängigkeit. Am wüstesten äußert sieb der Juderlhaß in Österreich, dort ereignen sich täglich die unglaublichsten Vorfälle. In der österreichischen Studentensehaft sind nur Arier vertreten. Der von den Österreichern in Göttingen eingebrachte Antrag, diese Grundsätze auch in Deutschland anzuwenden, ist vom Studententag abgelehnt worden. Dagegen wurde beschlossen, nach Österreich eine Kominission zum Studium der Judenfrage an den deutsch-österreichischen Hochschulen zu entsenden. Ob diese Kommission abgehen wird, ist noch zweifelhaft. Sollte sie gehen, so werden wahrscheinlich je ein Vertreter der deutschen Studenten jüdischen Glaubens und ein Vertreter von uns dieser Kommission als beratende Mitglieder beigegeben werden. Von den in Deutschland befindlichen Joden werden natürlich am schlimmsten die Ostjuden betroffen. Nach den dem Präsidium des K.J. V. vorliegenden Zahlen sind von den ca. 600 bis 1000 Ostjuden, die um Immatrikulation nachgesucht haben, mindestens 30°,,o abgewiesen worden. Die Entscheidung liegt zurzeit beim Kultusministerium. Dieses entscheidet nach seinem Ermessen und nach Grundsätzen, die zwar nicht falsch sind, aber viel zu wenig scharf, um eine ungerechte Entscheidung im Einzelfall auszuschließen. Das einzige, \%as hier Abhilfe schaffen könnte, wäre der Erlaß einer sorgfältig ausgearbeiteten Ministerialverordnung, die auch die einzelnen entscheidenden Beamten bindet/ Wir beschäftigen uns zurzeit mit der Ausarbeitung eines Vorschlags einer solchen Verordnung, ohne indes bis jetzt zu einem abschließenden Ergebnis -gekommen zu sein, das dem Ministerium als Vorschlag vorgelegt werden .könnte. Die Ausländergebühren waren bis jetzt wenigstens erschwinglich. Soweit hier bekannt, ist eine Änderung dieses Zustand es vom Ministerium nicht beabsichtigt Wir unterlassen also am besten augenblicklich öffentliche Diskussionen, um nicht eine antisemitische Propaganda für Erhöhung der Ausländergebühren zu entfesseln. Die deutschstämmigen Ausländer werden auch in Bezug auf ihre politischen Rechte den Inländern an den Hochschulen gleichgestellt, d.h. sie haben das aktive und passive Wahlrecht für die Studentenvertretung, Durch diese Regelung sind wir Juden in/ zweifacher.Hinsicht benachteiligt: 1. die Bevorzugung wird meist nur Ariern, nicht Semiten gewährt;'2. die bevorzugten Ausländer sind meist Judenhasser. Wir haben uns daher auf den auch juristisch völlig richtigen Standpunkt gestellt, daß politische Rechte nur denen zukommen, "die die Lasten deutscher Bürger tragen und durch ihre Eigenschaft als deutsche Bürger in einem besonderen Pflichtverhältnis zum Reiche stehen. Folgerichtig verzichten wir für die Ostjuden auf alle deutschen politischen Rechte, fordern aber auch den Ausschluß der Deutschausländer und der Deutsehösterreicher von alten deutschen politischen Berechtigungen.