Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 12 (1915-1916)
- Issue
- Heft 3 (12.8.1915)
- Date
- 1915-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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77 knüpft sich an diese Besuche. Von einem Erlebnis will ich tuch hier erzählen. Es war am zweiten Tage Schewuaus, als ich nach Racionz ritt, vom Drange getrieben, einmal nach langer Zeit wieder einem Gottesdienste beizuwohnen. Ich ging in die „Schul", die im übrigen als Lazarett eingerichtet war, für die Jonteftage aber yon der Militärbehörde freigegeben war. Man war allenthalben ^sichtlich erfreut, mich an dieser geweihten Stätte zu sehen, drückte mir innig die Hand, führte mich an den Ehrenplatz, gab mir Talles und Machsor und dann Maftir und die Haftarah. Und obwohl mir die Formen, in denen sich der Gottesdienst abspielte, d. h. dieses laute Summen, diese Unordnung, diese Unruhe absolut mißfiel, muß ich gestehen, daß mir kaum jemals ein Gottesdienst so zu Herzen ging, wie dieser unverfälscht, urecht jüdische. Und ich dawneie tapfer mit und war so mit vollem Herzen dabei, wie selten in meinem Leben. Vor allem wirkte der Chor mächtig auf mich. Da war keine Orgel, kein Harmonium, die den Gesang der Knaben begleiteten, aber es war die Jahrtausende alte Vergangenheit des jüdischen Volkes, der hier Stimme und Ausdruck verliehen wurde, einmal in leisen, wehmütigen Weisen, einmal in hohen, frohlockenden Tönen voller Jubel und Innigkeit, und dann drang es mir plötzlich wie ein Schrei durch Mark und Bein, wie ein Schrei eines zu Tode Gemarterten, wie ein Schrei nach Rettung und Hilfe. Das war Musik, wie es ein Volk aus den Tiefen seiner Seele gebiert, vielleicht nicht ganz den Gesetzen und der Lehre der Harmonie entsprechend, aber rein, kraftvoll und unverfälscht. Doch nun genug. Ich muß schließen und verbleibe mit innigstem Zions-V. J, St-er Gruß Euer Hein Willy Greifenhagen Ein halbes Jahr ist nun schon vergangen, seitdem er uns genommen wurde. Immer wieder, wenn wir von unseren Toten sprechen, vermögen wir ihrer kaum anders zu denken als solcher, die nur irgendwo weit, weit von uns sind, aber dort in jener Feme noch mit uns leben; Wir können sie gar nicht entbehren, denn mit auf einen jeden von ihnen ist ja der junge, hochstrebende Bau gesteht gewesen, der unser Lebenswerk ist und uns zu gemeinsamem Strebern und Erleben geeint hat. In diesen Bund hat Willy Greifenhagens Tod eine tiefe Lücke gerissen, und mit starkem Schmerze fühlen wir uns um soviel Hoffnung und Freundschaft ärmer. Er lebt aus so viel schönen und frohen Stunden 'deutlich in uns. Vom ersten Tag an, der ihn in unseren K,reis führte