Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 12 (1915-1916)
- Issue
- Heft 3 (12.8.1915)
- Date
- 1915-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3537599-3537715-3537718--3515-3542871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
78 Der Jüdische Student hatte er uns alle gewonnen, und schon dem krassen Fux, dessen Begabung und Kenntnisse, dessen geistvolle und lebendige Art ihm gleich eine neidlos überlassene Vorzugsstellung erwirkten, verziehen selbst die würdigsten Alten Herren die kleinen Boshaftigkeiten seiner spöttischen und geistreichen Zunge. Heiter und frohem studentischen Genießen zugeneigt, hatte er nicht immer die Kraft mit sich hauszuhalten, verschwendete er manchmal sich selbst und den reichen Besitz seiner Gaben. Aber seine oft leise mahnenden Freunde überraschte er stets wieder durch die Gewalt, die er über seinen Körper und Geist behielt, die ihm auch nach durchbummelter Nacht in der Fuxenstunde, in der Debatte, bei der Arbeit gehorchten, und äimch die Stärke seines Willens und Könnens, die ihn später mühelos und unvorbereitet aus dem Wirbel Berlfi^^^Sarf die Rednertribüne irgendeiner auswärtigen Ortsgruppe fuhftfen, deren Mitglieder er, wie so oft auch uns selbst, durch seine Redirerg^W, durch die Kraft und Form, aber auch durch die Geschicklichkeit und den inneren Wert seiner Worte fortriß. Schon von dem Primaner hatte der Zionismus Besitz er* griffen, und er wurde die ernste und selbstverständliche Grundlage, der «Sinn seines Lebens, dem auch sofort seine reiche Tatkraft gehörte- Mit streitbarer Zunge und der ganzen, fast rücksichtslosen Impulsivität seines Wesens begann er schon damals, als Stettiner Gymnasiast, den Kampf für den Zionismus, verstand er es, die indolente Stettiner Gemeinde gewaltig und beinahe spaßhaft aufzuscheuchen, wurde er sofort Mittelpunkt und 's Führer des kleinen jungjudtschen Kreises. Als V.J.St.-er, als Mitglied der zionistischen Organisation, zuletzt besonders als Leiter der nationaljüdischen Turnerschaft, überall tat er dank seiner kraftvollen und energischen Persönlichkeit, unterstützt durch die großen Gaben seines Geistes,, seines glänzenden Gedächtnisses, seiner mühelosen Redekunst, an die Spitze. Und wenn denen, die in engerer Freundschaft ihn aus der Jugendzeit ins Leben hinaus begleitet hatten, ein Wünschen und Hoffen dabei offen blieb, so war es, daS er auch die Gewalt über sich, die Konzentration und Zielbewußtheit fände, die ihn in Wahrheit zu einem Führer unserer Sache hätten erheben können.