Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1915-08-12 · Heft 3 (12.8.1915) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
12 (1915-1916)
Issue
Heft 3 (12.8.1915)
Date
1915-08-12
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3537599-3537715-3537718--3512-3542868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Jüdische Student flüchtende Kritik der bestehenden Zustände ist. Sicher haben wir in den letzten Jahren eine gewisse Bereicherung unseres zionistischen Empfindungslebens erfahren, indem der Palästinaged-anke immer stärker wurde, je mehr er aus der Liebe zu etwas Zukünftigem allmählich die Liebe zu etwas Gegenwärtigem zu werden begann. Und ich kann mir denken, daß einige, vielleicht sehr junge Zionisten in ihren ostjüdischen Kriegserlebnissen eine gewisse Enttäuschung und — wie es dann meistens zu kommen pflegt — die große Lehre sehen, daß Palästina das einzig Wahre sei, — die große Entlausungsanstalt für alles jüdische Ungeziefer. Wertvoller aber wäre es, wenn sie aus dem Osten eine neue Liebe heimbrächten, die, wenn nicht ein Mit f ü h 1 e n , so doch ein Mit leiden mit den, in den Schmutz Europas erniedrigten, aber ihrem Judentum treuen Stammesbrüdern sein müßte. Mitleid ist in Mißkredit gekommen, als eine Fehlerquelle philanthropischer Kolonisationspolitik. Mitleid braucht aber nur ernst und tief genug zu sein, um ein stärkerer Antrieb nationalen Wollens werden zu können, als Assimüationskritik (gegen deren grundsätzliche Berechtigung ich selbstverständlich nichts sagen wollte). — Wer von Haus aus genug jüdisches Gefühl mitbringt, wird freilich im Osten noch Besseres erleben: die Fähigkeit, diese Menschen grundlos lieben zu können. — — — Aber ich muß schließen, ich schreibe schon zwei Tage. Es wird Abend, und morgen geht's ins Gelecht. IL Aus Russisch Polen Von Hugo Hein f Ruder-V. J* St) Während ich in physischer Hinsicht absolut nicht klagen kann, bin ich seelisch oft wahnsinnig deprimiert, einmal weil ich fange Zeit kaum etwas anderes als Trauerbotschaften aus der Hemiat erhielt, und dann weil die Not unseres Volkes hier im Osten mich tief, tief ergriffen hat. Das, was ich mir als V. J. St-er mühsam erringen und erkämpfen mußte, hier in Polen ist es mir zum nachhaltigsten Erlebnis geworden. Der Aufenthalt in Polen hat den Schlußstein zu meiner Entwicklung gelegt. Hier im Zusammensein mit den Ostjuden habe ich den Zionismus, den jüdischen Nationalismus in seiner ganzen Größe zu erfassen gelernt. Hier, wo ich die ganze Größe der Judennot vor Augen sah, hier, wo d?e Bande des Biufs und die Stimme des Herzens mir laut und vernehmbar zuriefen, daß ich trotz meines anderen Aeußeren vom selben Stoff sei, wie diese elenden, blassen Menschen da mit Kaftan und Peies, hier erst habe ich es wahrhaft gefühlt, mit welch heißer Glut ich mein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.