Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 12 (1915-1916)
- Issue
- Heft 3 (12.8.1915)
- Date
- 1915-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Der jüdische Student hier vierzehn Tage gehaust Ich sehe im Hof einen alten, dürfiuj gekleideten Mann stehen und frage ihn, wem der Hof gehöre. „Mir", sagte er ganz einfach, und ich erfuhr zu meinem Erstaunen, daß dieser Alte Eigentümer des Gutes mit 600 Morgen Land und Wald sei, ati? der Aecker und Wiesen/ die man im Umkreise des ganzen Tales vor'sich sah Ein frommer Jude, wenngleich die Scbiäfenlocken nur gerade noch angedeutet waren. Also ein Landwirt? Doch eigentlich nicht! Ich sah bald, daß dieser Mann statt mit Tüchern mit Gütern handelt. Er kauft — am liebsten wohl bankerotte— Güter, bewirtschaftet^ sie ein paar Jahre und verkauft sie dann mit großem Vorteil/ Alle die gemütlichen Einflüsse, die aus dem festen Besitz von Grund und Boden, aus dem Leben auf der eigenen Scholle fließen, können hier nicht voll zur Geltung kommen, aber doch ist dieses L^ben anders und besser, schon wegen seiner breiteren Behäbigkeit, als das Hetz- und Hastleben der armen Händler. Das sah ich vor allem an dem einen Sohn, von dem ich vornehmlich erzählen will. — Ich sah, wie der Alte betete, und sagte zu ihm von außen durch das Fenster hindurch: „Mit Minjätt kann man hier wohl nur selten Maariw oren?l Sofort leuchtete ein Verstehen über sein Gesicht, und er nötigte mich zum Eintreten. Ich trat in ein großes, hohes Zimmer, in dem Büffet und ein Flügel andeuteten, daß es einmal besser eingerichtet war Wir aßen Abendbrod — sehr einfach, die Frau ist noch geflüchtet, es fehlte wohl auch an Geschirr — jedenfalls aßen wir nur Eier und legten die Schalen auf das Tischtuch. Während des Essens kam „elastischen Schrittes4', wie der Schriftsteller sagen würde, hier aber ganz wörtlich zu verstehen ist, ein Sohn herein, ein achtzehnjähriger, schlanker, hübscher Junge, mit einem offenen Gesicht (in Gaiizien sehr selten), in der wandervogelähnlichen Tracht der polnischen Legionäre. Sofort stürzte er sich in eine kriegerische Unterhaltung, Begeistert erzählte er von seinen Erlebnissen im Kampf gegen die Russen — er ist wegen akuten Gelenkrheumatismö^^otlassö'n und wird jetzt bald zum -ordentlichen Heeresdienst einberufen — erwies sich als flammender Patriot, schwärmte von dem österreichischen Militär, das viel besser sei als das deutsche, und alles in einer so frischen Weise, daß ich ihn sofort lieb gewann. Dieser Junge ist, nur weil er reicher ist, innerlich sclpn ganz anders: frisch, selbstbewußt, liebt Pferde und Hunde, hat sich zum Kummer seines Vaters wochenlang im Walde auf der Jagd herumgetrieben, spricht im herrischen Ton mit dem polnischen Gesinde, und ist eben dem Milieu, aus dem der Vater wahrscheinlich stammt, schon halb entwachsen. Er war auf dem Gymnasium, aber dann zog es ihn auf das Gut oder — zu dem Geschäft seines Vaters: an Handelsgeist fehlt es ihm nicht Er ist Zionist, spricht fließend hebräisch — was er bei einem russi-