Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 12 (1915-1916)
- Issue
- Heft 3 (12.8.1915)
- Date
- 1915-08-12
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Judische Student 69 nicht polnische Tracht, aber einzelne Stücke dieser Tracht, so das bunte Kopftuch trug, und einer hübschen, blonden und blauäugigen Tochter— (hier eine seltene Ausnahme, die meisten sind tiefschwarz). Ich ging hinein, ließ mir ein Glas Selterwasser geben und setzte mich in die Stube, in der die Mutter schneidere. „Sie sind Juden?" sagte ich. „Ja", sagte sie, „wir sind Juden/' „Ich bin auch Jude" Darauf sah sie mich über die Brille an, und sagte dann die Worte, die viel von dem Leben der Juden in Galizien enthüllen: „Dann kann man doch mit Ihnen sprechen!" In dieser Familie sah man überhaupt viel Schicksal. Da war ein amerikanisches Enkelkind, Sohn einer in Amerika verheirateten Tochter. Elf Kinder sind es im ganzen. Fünf Töchter sind schon „ausgegeben", sagte die Alte. Einige Söhne sind in Krakau Nur der Aelteste und der Jüngste sind fromm, zwar „Daitsche" ohne Schläfenlocken, aber sehr fromm. Der Vater ist ein „proster Jid", ein Uebergang vom Chassid zum Orthodoxen, wie anscheinend viele Juden auf dem Land. Die anderen Söhne sind nicht mehr fromm, verdorben durch die Großstadt. „Gott hilft denen, die nicht fromm sind", pflegt der eine zu sagen, wie mir die Schwester erzählte. Er meint, die verdienen am meisten Geld. Ein großer, starker, „daitsch" gekleideter junger Man kam herein. Er hatte Selterwasser bereitet, denn am Sonntag bekommt man keinen Polen für diese Arbeit! ,,Seid Ihr schon müde?" sagte die Mutter, „Arbeit ist nichts für einen Juden!" Ich fragte, wie sie das meine! Und ich erfuhr, daß körperliche Arbeit als minderwertig gelte. Es gibt Bäcker, Schuster, aber sie sind geringer geachtet. Es gibt auch Landbesitzer, aber sie arbeiten meist mit fremden Kräften. Die Seele des Geschäftes ist ein „Geschäft", ein Kramladen, ein Handel, in dem es keine festen Preise gibt, sondern viel gefeilscht und geschachert wird. Handeln und Geldverdienen ist das Lebenselement, in dem alle, auch Kinder und Mädchen leben. Ich habe Kinder von acht Jahren gesehen, die mit glühenden Augen zuschauten, wie ein Kunde kaufte und zahlte, .und. Kinder von zehn Jahren verkauften schon selbständig; sie kennen alle Preise und wissen genau Bescheid. Und die Mädchen kennen keine bessere und glücklichere Zukunft als einen Mann mit einem leidlichen Handel. Daneben kennt man auch sogenannte „Luftgeschäfte11, Provisions- und Maklergeschäfte, und das war der Beruf besagten jungen Marines, der ausnahmsweise Sodawasser fabriziert hatte, hr war Soldat, bei Iwangorod verwundet, auf Hetmatsurlaub. Wir sprachen über den Heeresdienst der Juden. ■■Der Krieg liegt diesen Juden nicht Auch die blonde Tochter — sonst die netteste Jüdin, die ich bisher in Galizien sah — fand es selbstverständlich, daß man sich auf jede Weise zu drücken sucht. Leider geht es nicht immer, „denn es herrscht viel Verrat". Es ist interessant genug, daß, wie ich später von