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Der jüdische Student · 1915-08-12 · Heft 3 (12.8.1915) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
12 (1915-1916)
Issue
Heft 3 (12.8.1915)
Date
1915-08-12
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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68 Der Jüdische Student verstehen, daß zuweilen höchst ungeistige Mächte die Herrschaft gewinnen. Sicher ist, daß fast alle Mädchen, deren hauptsächliche geistige Nahrung Schundromane sind, es im „Poussieren" mit jedem Tauentzienstraßenmädchen aufnehmen; und es ist für einen Juden nicht angenehm zu sehen, daß die Mädchen, die zu einem auffallend großen Prozentsatz auffallend hübsch sind, die anerkennenden und begehrlichen Zurufe der vorbeimarschierenden Soldaten mit mehr als feurigen Blicken erwidern. Und ich habe sogar in Wieliczka ein jüdisches Bordell, an dessen Türpfosten die Mesüsa nicht fehlte, mit eigenen Augen gesehen. Auch bei den Männern herrscht, glaube ich, nicht mehr ganz der alte Geist Schon, daß man es schweigend oder allenfalls scheltend dulted, daß die Mädchen andere Kreise aufsuchen und weltliche Bücher lesen, beweist, daß der Maßstab, den man an sich selbst legt, nicht mehr der allerslrengsie ist. Ich habe ein gewisses Lächeln bemerkt, als mir jüngere Chassidim sagten, man fahre zwar „noch" jährlich zum Rebben, aber es gebe doch in Wieliczka keinen Chassid, der wirklich an die Wundermächtigkeit des Rebben glaube. Man halte ihn einfach für einen besonders frommen Juden, ohne ihm aber ein persönliches Verhältnis zu (Sott zuzuerkennen. Freilich sagte man mir auch, der Sitz des wahren Chassidismus?ei Ostgalizien. Immerhin sind die Chassidim auch hier eine besondere Gesellschaft für sich, die den Verkehr mit den Orthodoxen oder gar Zionisten grundsätzlicn ablehnt. Die Chassidim nennen die Orthodoxen „Daitsche" oder ,,Fortschritiler", während in Wahrheit die Orthodoxenviel frömmer sind, als die meisten Orthodoxen in Deutschland. Der Zionismus gedeiht auch hier nur bei der Jugend der orthodoxen oder der, in den kleinen Städten wenig--zahlreichen assimilantischen Kreise, und da die jungen Leute alle fort waren, habe ich in Wieliczka keinen Zionisten gesprochen. Besonders d e r Teil der orthodoxen Jugend, der nicht mehr so streng gesetzestreu ist, wie die Eltern, ist der Träger des Zionismus- Von Wieliczka ist noch zu erzählen, daß der Ort angeblich weltberühmt ist durch eine k. u, k. Saline, ein riesiges Salzbergwerk. Man fährt mit einem elektrischen Fahrstuhl tief in die Erde und findet dort in alten, abgebauten Stollen ein Märchen vor: einen ganz aus.Salz erbauten Stadtteil, eine Kirche, Häuser, einen Saat für 2000 Personen, alles aus Salzt Der Anblick soll überwältigend sein. Leider hatten wir keine Zeit zum Besuch der*Grube. Ein Marsch in unerhörter Hitze führte yns nach Dobczyce, einem kleinen Landstädtchen. Hier hatte ich ein sauberes, polnisches ßauernhofquartier. Nebenan lag ein jüdisches Geschäft mit einem riesigen, großen Mann von Rübezahlaussehen, einer Frau, die, wie viele jüdische Frauen auf dem Lande, zwar

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