Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 7 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 201 war. Zum Schluß dieses Kapitels noch ein kleines Kuriosum: Wir haben einen Gefangenen, der als 3uchbinder beschäftigt wird und seine Arbeit in"der Schneiderstube verrichtet Er war Jude, ist zum griechisch-orthodoxen Glauben übergetreten und russischer Polizist geworden.. Jetzt, in der Gefangenschaft, erinnert er sich seiner Vergangenheit. Mit Tränen in den Augen bat er mich, ihm doch" von meinem nächsten Berliner Urlaub einen Sidur mitzubringen, er wolle mit Hilfe eines der jüdischen Schneider wieder Hebräisch lernen, wolle wieder Jude werden und, wenn er nach Hause komme, seine aiien Eitern besuchen, die in Polen leben und die er seit langen Jahren nicht mehr habe sehen dürfen. Ja. ja,' der Krieg 1 Aber ich werde-ihm doch den Sidur mitbringen. A:je Unterschiede aber, alles Trennende zwischen den einzelnen fällt fort beim gemeinschaftlichen Gottesdienst. Noch nie habe ich das national Einigende in diesen Gebeten, in dieser hebräischen Sprache so stark empfunden' wie jetzt und hier. Allerdings scheint mir auch angesichts der riesenhaften Ereignisse rings um um und der Winzigkeit des-einzelnen - ihnen gegenüber das religiöse Bedürfnis gestiegen zu sein. Leider ist nun in dieser Beziehung hier bisher von Seiten der zuständigen Stellen absolut nichts geschehen. Ich kann allerdings nur hier von Crossen sprechen: aber hier waren die Zustände jedenfalls schmählich. Kantor und Gemeinde Crossen ohne jedes Interesse! ich kam gerade am jom-Kippur zum ersten Mal ins Lager; da waren die Juden man möchte sagen eingepsercht in den dunklen Teil einer Baracke; das einzige, was man ihnen von Gemeindewegen angetan hatte, war. daß man ihnen eine Thorarolle geborgt hatte. Der Kantor ist in den fünf Monaten meines Hierseins vielleicht viermal im Lager gewesen, und auch da,, ohne sich um die einzelnen zu kümmern. Vom Gemeindevorstand war überhaupt noch nie jemand draußen und von sonstigen Behörden hat lediglich der Rabbiner von Frankfurt a. O. in den reizten Tagen, d. h. nachdem der größte Teii der Gefangenen im siebenten Monat hier ist seinen Besuch angekündigt, und •auch das nur mit Rücksicht darauf, daß der hiesige Kantor zum Militär eingezogen ist. Und dabei ist hier wirklich ein so dankbares Feld, allerdings nur, wenn die Herren den „Kultusbeamien" zu Gunsten des Menschen etwas zurückstecken, Und die Erlaubnis ist so leicht zu bekommen. Das Kriegsministerium und sämtliche Kommandobehörden zeigen gegenüber jeder religiösen Anregung das weitestgehende Entgegenkommen. Trotzdem ist hier bisher nichts geschehen: alles, was wir jetzt haben/ haben wir uns aliein gemacht, in den ersten Wochen meines Hierseins mußte ich auch erst die .Verhältnisse und die Menschen kennen lernen; sobald aber die jüdischen Gefangenen merkten, daß ich Interesse für sie habe — und-ich