Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 7 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Der jüdische Student bin hier der einzige, der solche Interessen hat —, überschütteten mich ihre manchmal recht naiven und meine Stellung erheblich überschätzenden Wünsche wie eine Sturmflut Und dank dem Entgegenkommen der Lagerkommandantur habe ich mit der Zeit manches erreichen können. Es existiert jetzt ein regelmäßiger Gottesdienst nicht nur an den Festtagen, sondern an jedem Freitag abend und Sonnabend vormittag, geleitet von einem geradezu wundervoll singenden Chasen, musikalisch illustriert durch einen sehr netten Chor, geordnet von einem tüchtigen Schammes und überwacht von meiner Wenigkeit. Die Tischlerei hat einen Tisch und ein Schrankchen für die Thora geliefert, das von einem Mitglied der Feuerwehr sehr hübsch angemaii worden ist, zwei alte Aifenideleuchter aus meiner - Wirtschaft sind zu neuem Gianz auferstanden, unser Chasen hat nach und nach Talar, Sammetkäppenen und von mir einen Tains bekommen, zu dem unsere Schneider einen kunstvoll gestickten Tailisbeutei gefertigt haben, dann ist gesammelt woraen und ich habe das Lager von bmigen Siddurim bei Poppelauer -eer gekauft: was noch fehh, wird nach und nach angeschafft. Und wenn jetzt jemand am Freitag abend herkommt, wird er hier einen Gottesdienst hören, wie ihn Berlin wahrscheinlich nicht aufzuweisen hu. Und hieraus hat sich eine Art Treuverhähms zwischen den jüdischen Gefangenen und mir entwickelt. Ahe Schmerzen tragen sie erst zu mir: kann ich auch oft nicht helfen, auch für ein gutes Wort sind sie dankbar. Aber auch mit ailen Freuden kommen sie zu mir: wenn ein Brief oü^r gar eine Photographie von daheim kommt, ich muß sie bewundern, und als neulich einer meiner Freunde ein Paket mh Bodes bekam, mußte ich davon kosten. Sie waren übrigens ausgezeichnet. Diese, wenn auch ganz inoffizielle Stellung macht mir viel Freude und entschädigt mich etwas/für das Stumpfsinnige und dabei recht Anstrengende meines sonstigen Dienstes. Und jedesmal, .wenn einer zu mir kam und klagte, fragte ich mich im Stillen: „Wie soH das bloß nachher werden?" Hier merkt man erst richtig und lebendig diese ungeheure Last des Hasses, die die luden zu tragen haben, das absolut Inkommensurable ihrer nationalen Eigenart mit der irgend eines anderen Volkes, die Unmöglichkeil einti Verschmelzung dieser Leute mit den umwohnenden Völkern, Und je länger ich darüber nachdenke, immer wieder bleibt für mich nur eine Lösung: der Zionismus- Wäre ich nicht schon Zionist gewesen, als ich herkam, hier wäre ich es geworden.