Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 7 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537746-3537753--3412-3542800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Jüdische Student 199 Unteroffizieren, also gerade bei denen, die in nächsten nnd intensivsten 'Verkehr mit den Gefangenen treten, sehr geschadet. Nicht als ob die anderen nicht auch handelten; aber bei denen wird es weniger bekannt Und auch das ist recht bezeichnend. Die Händler werden meist nicht von den Aufsichtsunteroffizieren selbst herausgefunden, sondern fast immer von den russischen Feldwebeln denunziert. Diese Denunziationen haben ihren Grund nicht etwa darin, daß die Feldwebel die Uebertretung des Handeisverbots nicht dulden wollen: denunziert wird nur, wer beim Handeln den Käufer übers Ohr haut. Und diese Denunzierten sind fast immer Juden. Die Lösung dieses Rätsels offenbarte sich mir, als ich' einmal so von ungefähr die Baracken durchstreifte. Da stand ein Pulk Russen im Kreise um einen Tisch herum. Auf diesem lag mit heruntergelassenen Hosen ein Russe und zwei andere bearbeiteten ihn mit Lederriemen. Als ich nach dem Grund dieser Behandlung fragte, erzählte der Feldwebel, der Mann habe eine Uhr, die er für 30 Pfennig erstanden, eine halbe Stunde später für 3 Mark weiterverkauft. Von einer Meldung wollte der Feldwebel nichts wissen; nur Juden werden gemeldet, denn soviel haben die Russen schon gelernt daß auch bei uns jede Uebertretung eines Juden, zumal wenn diese wie hier im Schachern besteht in den Augen insbesondere der Mindergebildeien, in diesem Feile des Gros der. Unteroffiziere, allen Juden zur Last fällt. Nur zweierlei kann man keinem Juden vorwerfen: Diebstahl und Faulheit, Bei allem Handeln werden sie die Sachen vielleicht billigst zu erwerben suchen: aber sie werden sie nie stehlen. Und wenn für irgend etwas Arbeiter gesucht weruen. drängen sie sich danach. Die "tüchtigsten Arbeiter im Lager sind Juden, so Schneiden Schuster, Tischler, Glaser, An dei Lokomobile für die elektische Beleuchtung und an der Installation im Lager arbeitet ein jüdischer Ingenieur, der Angestellter im Bureau der A. F. G. in Riga war und jetzt hier vom Morgen bis zum Abend unermüdlich einfache Monteurarbeit tut Ueber die Zukunft des Judentums denken die Leutchen liier im allgemeinen recht wenig nach, und das ist ja auch leicht ■erklärlich. Die Gegenwart hat für sie so viel Trauriges, dah deren Sorgen, die Sorge um Frau und Kind, Eitern und Geschwister bei weitem im Vordergrund stehen. Gerade die Familien der Juden leben ja doch zum größten Teil in dem direkt vom Kriege betroffenen Gebiet; und da giebt es viele, die wochen- und monatelang ohne jede Nachricht aus der Heimat sind. Und wenn solche Nachrichten kommen, sind sie auch nicht immer erfreulich; die Zahl deren die bei'unseren Gottesdiensten Kaddisch sagen, mehrt sich von Woche zu Woche. Hier wäre ein dankbares Fe^d der Tätigkeit für einen verständigen Geistlichen; aber leider sind wir in der Beziehung völlig verlassen. Darüber weiter unten noch einiges. Nachdem ich mir ^..v