Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 7 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Der jüdische Sisdent Und nun zum Lager. Das Lager Ist eine kleine Stadt für sich mit etwas über 5000 Einwohnern, Es liegt wunderhübsch um die Spitze eines Hügels herum, der von einem mit drei Geschützen bestandenen Turm gekrönt wird. Die Unterbringung und Verpflegung der Leute ist, soweit das möglich 'ist, ganz ausgezeichnet Es wird seitens der Verwaltung wirklich alles getan, um den Gefangenen ihr Los erträglich zu machen. Da Ist eine Kamine, wo sie alles Mögliche kaufen können, große Handwerkerstuben für die Reparatur der Kleidungsstücke; neue Unterwäsche, Decken,. Jacken werden geliefert, kurz, wenn unseie in Rußland gefangenen Kameraden es ebensogut haben, können wir ganz ruhig «nd zufrieden sein. Von unseren Gefangenen sind Uqer 4500 Mann schon Anfang September in Gefangenschaft geraten: seitdem haben wir nur einmal im Oktober Zuzug von 500 Mann gehabt, fast die ganze Musterkar-e der zum Russischen Reich gehörigen Kationen ist bei uns vertreten: Wir haben Grcßrussem Kiemrussen, Ukrainer, Armenien Finnen, viel Letten. Polen. lutherische Deutsche aus den Ostseeprovinzen, katholische Süddeutsche mit unverfälscht schwäbischem Dialekt aus Südrußland, der Kr>m und Bessarabiem und last but not ieast ca.. 400 Juden, Und von diesen meinen 400 Juden — ich habe mich so ein bischen als magisier' jucaeorum aufgetan — will ich jetzt einiges erzählen. Wie das Lager seihst eine Musterkurte der :n Rußland lebenden Nationen, so ist seine jüdische Bevölkerung eine Musterkarte aller guten und schlechten Arten, guten und schlechten Eigenschaften des jüdischen Volkes, und ihre Schicksale in der Gefangenschaft spiegem in verkleinertem Maßstabe ihr Schicksal in der großen Welt wieder. Dabei ^möchte ich mit besondrer Schärfe gegenüber dereigenartigen Ansicht des urgermanischen Herrn , Prozessors Geiger folgendes betonen: Ich bin ein so guter deutscher Patriot und tue meine Pflicht so gut vie nur einer: aber wer zu diesen russischen Juden kommt, sie näher kennen lernt und nicht fühlt, daß s:e mit uns eines B;utes, daß sie Volksgenossen, sind, der ist nicht wert. den. Ehrennamen „Jude4, zu tragen; Das Schicksal dieser juder: hier im'Lager nun ist eigenartig und lehrreich zugleich. Sie haben zwei ^roße Vorzüge, die es ihnen ermöglichten^, sich der Verwaltung nützlich zu machen. Sie sprachen in ihrer Mehrheit wenigstens soviel Deutsch, daß man sich mit ihnen verständigen konnte, und da sie ihr Stiefvateriand bekanntlich nicht besonders lieben. soN>varen sie mehr als die anderen Kriegsgefangenen geneigt, c4nnördnungen 'der deutschen Kommandobehörden' nachzukommen und diese zu unterstützen. Daher kam es, daß sie-anfangs bei Einrichtung des- Ligers, das ja aus dem Nichts allmählich erst durch intensivste Arbeit entstanden ist. eine große Rolle spielten; wo Dolmetscher. Aufsehen Vorarbeiter gebraucht.