Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 5 (1.11.1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Der Judische Student Frau, Trude Herzl erfüllte die Pflichten der Wirtin. Wolffsohn trug ein sübergesticktes Käppchen, für den Gast lag ein türkischer Fez bereit Wenn je Weihe über einem Freitagabend lag, war es hier an Wolffsohns Tisch — als David Wolffsohn dem Gast von Herzl erzählte, in Gegenwart der Tochter. Wenn ich in tiefster Ergriffenheit aus Wolffsohns Worten den großen und edlen Meister und Menschen Herzl wiedererstehen sah, was muß erst Herzls Kind dabei empfunden haben? Ich glaube, Wolffsohn hat eine große Tat getan, die nicht genug bewertet wird. Er ist Herzls Kindern ^nicht nur ein zweiter Vater gewesen, er hat ihnen das Gedächtnis des Vaters lebendig erhalten. Wenn Wolffsohn von Herzl sprach, nahm seine Stimme einen ganz eigenen Klang an. Verehrung; und eine gewisse Zärtlichkeit klang aus jedem seiner Worte. Obwohl er Herzls nächster Freund und sein Nachfolger war, hat er in seinen Worten über Herzl stets den Abstand gewahrt, der auch in seinem Bewußtsein zwischen ihm und Herzl lag. So wie er im Leben Herzls treuester Diener gewesen war, hat er diese treue Ergebenheit dem toten Freund und Führer bewahrt. Er war sich der Auszeichung bewußt, die auch noch in dieser Stellung zu Herzi lag. Ich weiß nicht, ob er das Wort Emersons kannte, aber er empfand es: Einem Menschen kann keine höhere Auszeichnung widerfahren, als daß ein Genius mit Gedanken von einer gewissen Höhe sich an ihn wendet Auch wenn er vom Judenvolk sprach, klang sein jüdisches Empfinden, sein jüdischer Stolz aus jedem seiner Worte. Selbst wenn er von den Fehlern unseres Volkes sprach. Dann sprach er wie ein Vater von den-Fehlern seines Kindes — mit einer wehmütigen Zärtlichkeit oder schmerzvollem Zorn. Weil er eine so unbedingt jüdische Persönlichkeit war, hatte sein Zionismus etwas Selbstverständliches. Ihm war der Zionismus nicht das Resultat eines soziologischen oder politischen Kalküls, sondern die selbstverständliche moralische Konsequenz seines Wesens. Hier tnttauch zwischen Herzl, dem Schöpfer unseres zionistischen Ideais, und Wolffsohn, dem aus dem Geist derßewegung geschaffenen Führer, der Unterschied zu Tage. Herzl steht in vielem über dem Zionismus, bei ihm kann man noch Wechselwirkungen zwischen Idee und Persönlichkeit beobachten. Bei Woiffsohn könnte der schärfste Analytiker keinen Zug seines Wesens finden, der gegen oder neben dem Zionismus liefe. Das ist eben die für den Führer charakteristische Kongruenz zwischen Persönlichkeit und Idee. Wenn unser Volk so einheitlich und so jüdisch wäre, wie Wolffsohn eine in sich geschlossene jüdische Persönlichkeit war, wäre der Zionismus keine Streitfrage, sondern der Ausdruck des allgemeinen und selbstverständlicnen Willens.