Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 5 (1.11.1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 105 Tat umsetzte, was an Gedankenmaterial sich zur Bewegung gesammelt hatte, und Wplffsohn, dessen Persönlichkeit dem Wesen der Bewegung vollständig kongruent war. Führer einer Volksbewegung kann nur sein, wer in seinem Wesen ein Produkt der Bewegung, dessen Persönlichkeit der möglichst vollkommenste Ausdruck der Bewegung ist. Und das war Wolffsohn. Schon in seinem Werdegang. Der kleine arme Judenjunge aus dem russischen Ghetto, ein Sinnbild der unglücklichen Lage unseres Volkes, kom nt nach Westeuropa, Dank seinem Büdungsstreben, seinem eisernen Willen erringt er Stellung und Ansehen. Und bleibt der Jude, der er war. Nicht wie andere kleine arme Judenjungen, die es zu etwas gebracht haben, und die, je weniger kle:n und weniger arm, desto weniger Juden bleiben, nützt er das Erreichte in der Arbeit für eine würdige Zukunft seines Volkes. Dieser Lebensgang ist der in ein Menschenschicksal projizierte Zionismus. Wolffsohn erscheint uns schon deshalb als die charakteristische Verkörperung unseres zionistischen Woliens, weil er so jüdisch war wie wenige von uns. Wir sind uns dessen bewußt, daß nicht nur der Zionismus im Judentum, sondern auch das Judentum im Zionismus ein Problem ist. Wir sind alle nur mehr oder weniger Juden. Der eine ist Jude und dabei doch ganz der preußische Assessor, der andere zu einem nicht geringen Teil seines Wesens russischer Intellektueller, der dritte verrät in dem Radikalismus seiner Geste den Oesterreicher. Bei Wolffsohn lassen sich solche Einschränkungen seines judenwesens nicht feststellen, er ist in eminentem Sinne des Wortes von Jüdischkeit gesättigt, Er hafte sich europäische Bildung angeeignet, basierte aber in seinem ganzen Denken, in der An, die Dinge aufzufassen, in der Argumentation ganz und ausschließlich auf den jüdischen Elementen seiner Bildung. Er war durchaus Westeuropäer. Wer ihn in Gesellschaft sah, oder ihm im Kurort zu Pferde begegnete, mußte den Eindruck eines soignierten Europäers haben, und doch hatte er nichts vom Deutschen und war in keiner Beziehung russisch, aber in jeder Beziehung Jude. Das Haus, das er sich in Cöln erbaut hat, ist dafür charakteristisch. Es ist das moderne, mit allem Luxus ausgestattete Haus in jüdischer Eigenart. Es wirkt mit seinem europäischen Komfort undi dem Schmuck seiner jüdischen Enbleme und Kunstwerke wie ein Haus aus Herzls Altneuland. Ein Freitag Abend in diesem Haus, bei Wolffsohn — ich kann mir keinen jüdischeren Sabbath denken. Ich erinnere mich eines solchen Abends. Es war nach dem Tode seiner