Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 5 (1.11.1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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104 Der Judische Student David Wolffsohn Von Dr. Egon Rosenberg (V. J.St Hasmonaea A.H.), Berlin Persönlichkeiten von geschichtlicher Bedeutung kann man nicht unmittelbar nach ihrem Tode bewerten. Erst in ihrer Wirkung auf die Geschichte ihrer Zeit und ihrer Nachwelt gewinnt man den richtigen Maßstab. So wie man einen monumentalen Bau nicht betrachten darf, wenn man sich dicht an seine Mauern stellt, man vielmehr eine entferntere Stellung suchen muß, die einen Ueberblick über das Ganze gewährt. Diese Stellung zu Wolffsohn können wir noch nicht finden und darum muß alles, was jetzt über ihn gesagt werden kann, darauf verzichten, als objektive historische Wertung zu gelten, und kann nur persönliches Empfinden sein, das künftigen Beurteilern seiner Person als Material dienen wird. , Wir kannten David Wolffsohn als treuen und ergebenen Mitarbeiter Herzis, als den Schöpfer unserer Finanzinstitute — und später als unseren Führer — als den Nachfolger Herzis. Wolffsohn hatte sich bis zu Herzis Tode bescheiden in die Reihe seiner Mitarbeiter gefügt. Er war als Persönlichkeit nie hervorgetreten. Gewiß, er war in der Bewegung allgemein bekannt, man wußte, daß sein Rat von Herzl oft gesucht wurde, daß Herzl ihn zu allen seinen Unternehmungen heranzog, daß er ihm in allen Dingen vertraute, daß Wolffsohn der ergebenste Freund des Führers war. Aber den Führer sah man nicht in ihm. Ahnte ihn nicht bis zu dem ersten Kongreß, den er leitete. Sein Auftreten war allen eine Ueberraschung. Er bewies, daß er seine Stellung auffaßte nicht nur als den Vorsitz im Aktionskomitee, sondern als die Führerschaft des jüdischen Volkes. Und das erscheint mir an Wolffsohns Bedeutung das Charakteristischste: erv war — oder er wurde — in seinem Wesen durchaus Führer der zionistischen Bewegung. Die schöpferischen Geister, von denen Bewegungen der Menschheit ausgehen, sind durchaus nicht immer Führer der Bewegungen gewesen. Das liegt ja zum Teil schon darin begründet, daß die Entwicklung eines Gedankens zur Volksbewegung mehr Zeit braucht, als sie ein Menschenleben hat, aber wohl auch darin, daß der Führer einer Volksbewegung mehr als der Schöpfer des Gedankens selbst den Inhalt der Bewegung in seiner ganzen Persönlichkeit zum Ausdruck bringen muß. Um Beispiele zu geben: Lassalle ist kein Arbeiterführer gewesen, aber der Drechsler August Bebel konnte es sein; Lueger war der gegebene Führer des Wiener Antisemitismus* denn er war das Mensch gewordene Wienertum, das den christlich-sozialen Gedanken auf seine spezifische Art aufgenommen und verarbeitet hatte. Und Pinsker und Hirsch Kalischer und Rülf sind keine Führer einer Bewegung geworden, sondern erst Herzf, der in