Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 5 (1.11.1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Der judische Student 103 (Brief.)--Wie wurde ich Zionist? Weil ich unser Volk haßte. Oder zu hassen glaubte. Und es von Grund aus umgeformt wünschte. Aber jetzt weiß ich, ich kannte ja gar kein jüdisches Volk, kannte es nicht und niemand kennt es; denn es gibt ja gar keine gemeinsame jüdische Lebensäußerung. Ist das deutsche Volk, wie es hier im Heere und jetzt wohl auch im Lande sich offenbart, etwa noch dasselbe, das ich in tausend Verrichtungen des Alltags, oft nüchtern und kleinlich, sich bewegen sah? Erst die große Aufgabe schafft ein Volk, und schafft es immer wieder aufs neue. Und die war uns Juden noch immer versagt. Oder sie versagten, weil sie sie nicht faßten. Eine bulgarische Aufgabe gibt's jetzt, eine tschechische, eine ungarische, selbst eine montenegrinische — welch ein Schmerz, daß wir keine, keine jüdische haben, keine haben können! Der Krieg predigt auch nur die alte Weisheit: eines ergreifen. Ich glaube, es muß im Leben eines jeden Menschen, wenn er nicht zu ewiger Unseligkeit verdammt sein soll, einen Moment geben, in dem er fühlt: hierhin gehöre ich, in diesen Kreis, in den Bereich dieser Aufgabe. Dann aber muß von diesem Winkel aus seine Arbeit gelenkt sein. Nur so kann er den hohen Mut finden, der aHein das Leben lebenswert macht, sein Dasein als ein Stückchen Erfüllung anzusehen. Und wenn diese Aufgabe für uns Juden Rigkt or wrang, my nation hieße, mit allem drum und dran von Ungerechtigkeit und Einseitigkeit, dann könnten wir Juden, der einzelne und die Gesamtheit, unserer Wirren ledig werden. Ehe aber nicht dieser Wille uns gepackt hat, wird keine Rettung sein. Vorläufig aber stehen wir hier im Felde, freudig und gern, bei der nächsten Aufgabe, der Forderung der Stunde. Hier ergreift sie mich auch, die große Gemeinschaft. Ich weiß ganz gut, daß es kein Recht und kein Unrecht vor der Geschichte gibt, daß selbst die Russen einem dunklen, großen Triebe gehorchen und daß der Engländer, der mir gegenübersteht, auch nur zu den Waffen gegriffen hat, weil er fürchtet, irgend einmal könnte seine Weltherrschaft vor der deutschen Arbeit in sich zusammenbrechen. Aber meinst Du? dieses Wissen fiabe viel Gewalt über mich? Hier lieg' ich und hier hass5 ich dies berechnende Geschlecht. Und wünschte, ich könnfs noch kräftiger und wissensunbeschwerter. Denn das habe ich hier im Felde erlebt, und erleb' es immer wieder: eines tut not, von einer beherrschenden Empfindung getragen sein. Und noch eins: Wille ist mehr wert als Verständnis. Und wenn wir diese Gesellschaft erst klein gekriegt haben — es dauert nicht mehr lange — und ich gesund zurückkomme, — pass' auf, dann geh' ich nach Palästina!