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Der jüdische Student · 1914-11-01 · Heft 5 (1.11.1914) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
11 (1914-1915)
Issue
Heft 5 (1.11.1914)
Date
1914-11-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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102 Der Jüdische Student (Brie!) Seit Tagen im Schutzengraben oder vielmehr in den Schätzenhöhlen. Eigentlich ein ganz geruhsames Leben, falls man ohne Rheumatismus davonkommt. Wie lange isfs her, weißt Du noch, und wir beide sind nicht weit von hier im schönsten Frieden gewandert und haben Belgien als eine Art Städtemuseum genossen. Die Belgier sind dieselben geblieben, die Kinder, als die sie uns damals erschienen. ~^Wie sie auf den Straßen tanzten und sangen, aus jedem Leierkasten eine Kirmeß machten, Uilenspiegel! Nun sind sie wütend und wild geworden, wie ein ungezogener Junge, der sich nicht beherrschen kann. Für einen Engel vielleicht überhaupt eine unterhaltende Völkerschau. Neben den Kindern von Belgiern die Franzosen, das Volk der ewigen Pubertät. Und die Engländer, Du weißt, wie ich in ihnen von je ein Volk der Tatsachen verehrte. In der Philosophie, Naturwissenschaft, in der Philologie und Geschichte, immer dieselben, nur aufs nüchtern Sachliche gerichtet Ohne Schwung; aber wir haben alle, in jedem Fache, viel von ihnen gelernt Und jetzt auch wieder die kühlen Rechner. Aber diesmal dürften sie sich doch verrechnet haben. Und drüben die Russen, das Volk des Chaos, dessen Seele eigentlich nur in seinen Liedern lebt und vielleicht in seinem ungestalten Glauben. Und wir? Ach, Jude sein, das heißt wohl, in den Besten vorläufig gewiß, ein Jünger sein! Mit aller Glut des Jüngers, all seiner ziellosen Begeisterung, all seinem Erleben wollen, seinem Pathos, seiner Ruhelosigkeit Noch im jüdischen Kaufmann steckt das, im Gelehrten und Politiker gewiß. Sieh' neben ihnen allen dieses deutsche Volk! Organisation? Ach, das ist viel zu wenig. Das Beste im Deutschen ist seine Richtung auf die Tat. Das zeigen sogar die deutschen Siedelungen im Ausland, (!n Palästina zum Beispiel ist die Religion doch nur Bekleidung.) Es ist vielleicht das deutscheste Wort: Im Anfang war die Tat. Und daß wir das heute als bewußte Juden miterleben, handelnd, mitstreitend, meinst Du, das könnte vergeblich sein? So sind wir vielleicht doch als Juden in den Krieg gezogen. (Zettel.) Das ist ja klar, daß in diesem Kriege nicht Rassen gegen Rassen kämpfen, so wenig wie 66, sondern Staatsgebilde sich durchsetzen, schützen, erweitern wölken." Beweist das irgend etwas gegen den Wert, ja die Notwendigkeit der nationalen Kultur und ihrer Folgerungen im Zionismus? Im Gegenteil: es beweist wieder, daß der Staat, die geschlossenste Form der Nation oder nationaler Tendenzen Oesterreich-Ungarn ist ein Uebergang —, das letzte und höchste Ziel ist, das dem Menschen gesetzt ist. Wir Juden der Gegenwart aber, wir erleben es schmerzlich, sind wahrhaftig ein Uebergang,

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