Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 5 (1.11.1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Judische Student 99 triumphierend an: siehst Du, nun ist doch Dein Zionismus in die Brüche gegangen, und Du fühlst wie jeder Deutsche! Ich glaube, ich habv ihn verständnislos angestiert. Genau so gut härte er mir sagen können: jetzt stellst Du Dich zu den Waffen, — und früher hieltest Du doch das Riesengebirge immer für schöner als den Sehwarzwald, Wenn das Haus, in dem ich wohne, oder sei's auch des Freundes, bei dem ich zu Gaste bin, in Brand gerät, da werd' ich doch zunächst beim Löschen helfen! Oder soll ich etwa sehen, ob man in der Panik vielleicht beim Nachbar silberne Löffel stehlen kann? Und wenn es gar mein Haus ist? Hier steckt ja ein Problem, aber für <kn Augenblick ist das ganz gleichgültig. (Brief.) Ja, warum bin ich eigentlich mitgegangen? Zunächst, ich schrieb Dir das wohl schon, ohne viel Besinnen. Aber wer weiß, was dem allem in mir zu Grunde liegt. (Der Teufel soll dies ewige jüdische Sinnieren holen, aber die Eisenbahnfahrt, und die Ruhetage an der Grenze, und diese Märsche, — man kommt bei allem Neuen reichlich genug zur Selbstbesinnung.) Zunächst, sicher, fühlte ich, daß der Krieg eigentlich viel Reiz für mich hätte. Endlich einmal das bestimmte Gefühl haben, daß man nicht überflüssig ist. Endlich einmal von jener Hemmung, jener Belastung befreit, die immer wieder meine Seele quälte, das ganze Gespenst der Zwecklosigkeit,, der schauerlichen Leere verscheucht, das mich ständig, sobald ich von der Arbeit zur Besinnung kam, geängstigt hat! Hatte ich nicht mein ganzes Leben lang empfunden, wie die zunehmende Beamtengesinnung uns alle langsam entnervte, wie die „Sekuritäf des europäischen Daseins mit gewaltigen Opfern an Energie, an Unternehmungslust, an Mannhaftigkeit teuer erkauft war! All meine studentische Arbeit hatte in dieser Richtung gelegen, zum mindesten von dieser Tendenz ihre entscheidenden Imperative erhalten. Wer weiß, ob ich Zionist, ich meine leidenschaftlicher Parteizionist geworden wäre, wenn diese Gesinnung nicht ein Hauptbestandteil des Zionismus wäre! Ueberhaupt, zu Hause sitzen, gesund, kräftig, für niemanden zu sorgen, und zusehen, wie sich andere für mich totschießen lassen, — pfui Teufel! Und das Deutschtum? Du weißt, daß ich mir weniger meine deutsche, als meine jüdische Gesinnung erst habe erkämpfen müssen, daß ich eigentlich nicht aus jüdischen, sondern aus menschlichen Instinkten heraus Zionist geworden bin. Aus Anständigkeit, Ehrgefühl, oder wie man es nennen mag. Erst später, in der Gemeinschaft, erlebte ich mein Judentum, Und trotz meines Judentums hat es mir, wie Du weißt, nie gepaßt, weiln wir unser Deutschtum damit zu kennzeichnen suchten, daß wir pflichttreue Bürger unseres Staates waren. Das verdient? ja in unserer innerlichen Welt überhaupt keine Erwähnung. Für