Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 1 (20.5.1914)
- Date
- 1914-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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5 schon sehr gelungen sein, wenn sie von einer so wertvollen Stimmung getragen sein sollte, wie sie jede Wanderung von selbst erzeugt Und wenn wir die Kneipen keineswegs abschaffen, nur einschränken sollen, so wird sich eine echte sangerfüllte Fidulität gerade an mehrtägige Wanderungen anschließen können. Sie wird stimmungsvoll und fröhlich sein — auch ohne das Stigma kabarettistischer Darbietungen. (Bei eintägigen Fahrten sollte man den Alkohol grundsätzlich meiden, weil man sonst die besten Abendstunden statt in der Natur im Wirtshaus zubringt!) Das Wandern wird vielleicht auch ein anderes „Problem" lösen, das uns oft Sorge gemacht hat, Nehmt ruhig einmal (nicht zu oft) die sogenannten „Verkehrsdamen" auf die Wanderung mit! Laßt sie mit euch vierter Klasse fahren, den Rucksack schleppen, lagern, kochen und sängen! Ihr werdet bald merken, welche Mädchen es wert sind, daß ihr sie mitnehmt; das gemeinsame Wandern wird euch Freude machen, im Zeichen dieser Einfachheit und Besonderheit werden wir hoffentlich mit Anstand auf den traurigen the dansant und das gefürchtete Sommervolksfest mit anschließendem Konventsstunk verzichten können. Das Leben der Aktiven wird farbiger, freudiger, reicher an schönen Erinnerungen sein. Auf den Wanderungen werden Freundschaften, die bisher bekanntlich nicht außerhalb des eigentlichen Korporationslebens geschlossen wurden, entstehen und wachsen. Wir werden zufriedener sein. Ich habe in Berlin, in München und selbst in Freiburg gesehen, daß ein großer Teil der Bundesbrüder am Sonntag in den Cafes sitzt und Skat spielt. Zwingt sie, zu wandern, sie werden dem V. j. St dankbar sein. Ein anderer guter Grund noch darf nicht übergangen werden. Die neue Gestaltung des Korporationslebens ist durch die Entwicklung der Schülerbewegung geboten. Die Ideen der deutschen Jugendbewegung mit ihren lebensreformerischen Tendenzen wirken gerade auf jüdische Gymnasiasten immer mächtiger ein. So wird uns das Wandern in Schülerkreisen neue Sympathien werben. Ein richtig ausgestalteter, ernsthaft geleiteter Wanderbetrieb ist ein ebenso gutes Keilmittel* wie bisher die ftuderei, und hat sich schon jetzt in Berlin als solches bewährt Vor allem verschafft uns die moderne Reform einen bedeutenden Vorsprung vor dem in schlecht nachgeahmter, studentischer Feudaiität ertrinkenden K. C. Er wird uns auf dem neuen Wege viel langsanier folgen als das K. Z. V, Schließlich ist unser Wandern gut, weil es die schwierige Führerfrage im Wanderbunde „Blau-Weiß" lösen und der Ausbreitung der jüdischen Schülerwanderbewegung nützen wird. Den notwendigen gedanklichen Zusammenhang mit der Blau- Weiß-Bewegung muß die Lektüre der Biau-Weiß-Blätter vermitteln*