Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 8 (Dezember 1919)
- Date
- 1919-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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Toeplitz, Zur Ringfrage 359 Zur Ringfrage i. Ring- oder praktische Fragen jüdischen Lebens auf dem Kartelltag? Stets war es das Bestreben national-jüdischer Arbeit, das Judentum nicht nur zu einer Angelegenheit des Gotteshauses und ,aer Feiertage zu machen, sondern zu einer Sache des Alltags, die dauernd in Verbindung mit dem einzelnen steht. Die ersten Pflichten jedoch, die dem Nationaljuden auferlegt wurden, mußten im Interesse des Wachstums der Idee Werbearbeit und pekuniäre Hilfe sein, wie sie auch im sonstigen politischen Leben üblich sind. Im Laufe der Zeit stellte die Jugend für sich personlichere Forderungen auf, die über den üRahmen der Partei hinausführten, Turnen und Hebräisch wurden Arbeitsprogramm nationaler Gemeinschafter?. Der Posener Delegiertentag nahm schließlich als Forderung für jeden Zionisten an, Palästina in sein Lebensprogramm hineinzustellen, eine Forderung, die allein den tatsächlichen Verhältnissen igerecht wird. Gewiß ist es nicht das Zusammenleben von Juden allein, was uns die Erfüllung unserer izionistischen »Hoffnung bedeutet, wenn es ein getreues Abbild europäischer Verhältnisse darstellt. Wir erwarten von Oer Siedekmg, daß sie Trägerin neuen jüdischen Geistes in organischem Anschluß an die Ueb er lieferung sei. Es ist aber unmöglich, den Schwerpunkt der Zionsidee von einer greibaren Zentralisierung ganz auf ein geistiges Zentrum zu verschieben, und nun von diesem aus eine Einwirkung auf die in der Diaspora verstreuten Juden zu erhoffen. Auf Judenmassen mag eine gewisse Einwirkung möglich sein; der Einzelne isoliert hat nichts davon. Es ist nicht möglich, das (Kulturproblem zu lösen ohne das Wirtschaf tspröblem. Man kann nicht Wirtschafts- und Geistesleben eines Menschen nach zwei völlig verschiedenen Richtungen orientieren. Die Zerrissenheit des Westjuden beruht zum Teil auf einem derartigen Zwiespalt. Der Beruf zwingt zum Verkehr mit Klientel und Kollegen, und der Charakter des Hauses wie die Erziehung der Kinder werden durch das Milieu weitgehend beeinflußt. Der Einzelne kämpft vergebens gegen die Uebermacht der ihn umgebenden Kräfte an. Aus dem Gefühl dafür sind viele Juden in die großen Städte gegangen, in denen eine gewisse jüdische Bevölkerung wohnt. Sie stehen da nicht an so exponierter Stelle, und ihr Verkehr kann sicft leichter nach eigener Wahl gestalten. Jüdische Elementarschulen und Jugendvereine sorgen für eine gewisse jüdische Note in der Erziehung der Kinder außer dem Hause. Aber auch die großen und Mittelstädte bieten dem luden mit wirklich jüdischen Bedürfnissen noch nicht das, was ihm frommt. Es fehlt noch an der jüdischen Mittelschule, die in den Kindern an der Hand unserer großen Geschichte und reichen Literatur jüdischen Geist entwickelt und sie nicht erst in Kursen des Vereinslebens ihrer Jünglingsjähre notdürftig damit bekannt macht. Die Erwachsenen aber verausgaben täglich ihre besten Kräfte, potenziert durch jüdischen Scharfblick und jüdische Menschenfreundlichkeit, an fremder Arbeit. Sie säen dauernd fremde Saat, um, abgesehen vom Lebensunterhalt, eher Undank als Dank zu ernten. Die Assimilation ist unter diesem Gesichtspunkte ein Schritt, der» wenn auch verzweifelt, doch wenigstens konsequent erscheinen muß. Es ist nicht das „tibi bene ibi patria", sondern die Liebe eines Menschen zur Stelle semer Arbeit /und den Einflüssen der faktischen Umgebung, der sicfi niemand auf die Dauer vollständig entziehen kann. Da greift aber die zionistische Propaganda ein und setzt solch einem armen Teufel auseinander: „Mein lieber Freund, du bist und bleibst Jude", und zeigt ihm eine Fülle von Theorien, wie man sie zahlreich in Broschüren- und Bucfo-