Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 7 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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300 Stein, Ist die Keilärbeit überflüssig und unsittlich? K, gehört einem Kreis an, der mit besonderem Pathos .das Dogma der „inneren Wahrhaftigkeit" verkündet.und das Keilen als eine Profanaiicm der mnen Idee empfindet, wie ihm überhaupt das Hinaustreten seiner Ideale in -die Umweit, ia die Erfüllung seiner Wünsche im praktischen Leben, als Bescfeniutzung der Idee erscheint. Es hat gar keinen Zweck, unseren jungen Bundesbrüdern mit der Strenge des stoeksehwingenden Oberlehrers, mit dem Unverständnis des überalterten Vaters oder mit onkelhaftem Gönnerläeheln entgegenzutreten.; wir mü5s seil uns ruhig mit ihnen unterhalten und werden sie. wie die Erfahrung lehrt, bald zur Vernunft bringen (die endgültig Unbelehrbaren sind für uns wie fit jede Sache unbrauchbar). Schon heute ist der Wille, sich auszubreiten, im K. J-V. wieder lebendig und auch im Blau-Weiß beginnt er sich zu regen, und wir wissen, daß der Gedanke von der unbestrittenen Notwendigkeit der Propaganda für jeden Bundesbruder bald zur Selbstverständlichkeit und zur peisönlichen Pflicht geworden sein wrd, wenn auch viele die Propaganda nicht gerade schön finden werden, eine Empfindung, die ich durchaas verstehe und würdige. Die Ablehnung der Propaganda war überhaupt - nur zu verstehen, so lange die Bundesbrüder am Kartell zweifelten. Diese krlfsche Stimmung hat das Kartell aber bereits überwunden. Vielleicht ist es aber doch nützlich, die letzte Zurückhaltung zu beseitigen, die manche junge» Bundesbrüder der Propagandatätigkeit gegenüber beobachten. Das Gefühl, daß die Entscheidung des jüdischen Schicksals bei den Ost- und Atner'kajiiden liegen wird, dürfte richtig sein, die Tatsache, daß wir ihnen gegenüber die Ueberheblichkeit des Westeuropäers abstreifen und Anschluß an sie suchen ist erfreulich, aber wir dürfen nicht übersehen, dal? wir zu der Bevölkerungsschicht gehören, die verstandesmäßig das Nationalbewußtsein am klarsten entwickelt hat und zu seiner Organisierung in erheblichem Umfange befähigt ist- Wenn wir auch die früher oft gehörte Anschauung, nur der deutsche Jude werde beim Aufbau Palästinas gewissermaßen der „Offizier" der Baukompagnien sein und sein können, für erledigt kalten, so weisen doch der oben angedeutete Gesichtspunkt und andere Momente (z. B. gute Berufsvorbildung) darauf hin daß der deutsche Jude dem Judentum und Palästina noch recht nützlich sein 'kann. Auch deshalb' weil der junge Jude, wie er zu uns kommt, im Durchschnitt weder kapitalistisch noch sozialistisch verhetzt ist, daher nicht in eine einseitige Parteistellung in diesem im Vordergrund stehenden Streite gedrängt wird, und so in der Lage ist, die Interessen der Gesamtheit über die der Partei zu stellen. Die bei uns oft zu beachtende völlige Ignorierung des eigenen Wertes den Ostjuden gegenüber erscheint mir als eine Ghetto- und zugleich Assimilationserscheinung weil sie einer — nicht aus Bescheidenheit geborenen —- geistigen Unterwürfigkeit entstammt, die in diesem Falle noch mm Teil objektiv unberechtigt ist, da vieles, was bei uns als ostjüdisch angesehen wird, nichts anderes ist als russisch, die aber fernerhin ein schweres Unrecht gegen das deutsche Judentum und somit gegen das Gesamtjudentum* eine Pflichtverletzung gegenüber dem Sinne unserer Organisation zur Folge hat. Will etwa jemand behaupten, das deutsche Judentum gehe uns nichts an, es sei unwesentlich und doch verloren, so muß mau f&m antworten: Dasselbe hätte man vor zwanzig Jahren sagen können, und es würde heute keine j ü d i s c h e Bewegung in Deutschland geben, wir alle warfen nicht Zionisten, und so ganz unerheblich wäre das vielleicht doch nickt. Wer gibt uns das Recht, über eine halbe Million Menschen, Angehörige unseres Volkes, den Stab zu brechen? Uebrigens stammt die halbe Million zum überwiegenden Teil aus dem Osten und wird von dort stets aufgefüllt so daß man mit dem deutschen Judentum gleichzeitig die von Osten zuströmenden Juden aufgibt, die ja bekanntlich in zweiter und dritter, oft sogar schon in erster Generation der Assimilation genau so verfallen wie die jüdischen „Ureinwohner" des Landes. Und wenn wir eine Aenderung unserer Ziele in diesem Sinne herbeiführen wollten, so wäre dies doch wohl eine Angelegenheit, die vom ganzen Kartell zunächst zu entscheiden wäre. Jeder hat dort zu arbeiten, wo er steht. Das K. J- V.