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Der jüdische Student · 1919-10-01 · Heft 6 (Oktober 1919) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
16 (1919)
Issue
Heft 6 (Oktober 1919)
Date
1919-10-01
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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Die Ringbildung 257 So können zur Erklärung für die Bestrebungen schließlich nur einige andere Momente herangezogen werden, die nebenbei von ihnen angegeben werden. Das Kartell ist vielen zu ungemütlich geworden; man klagt über den Mangel an Bundesbrüderlichkeit und beruft sich auf die gute alte Zeit. Hierzu ist festzustellen, daß auch diese alte Zeit keineswegs so bundesbrüderlich war, wie es jetzt oft dargestellt wird. Man vergleiche die Zahl der Austritte, erinnere sich an die Semester für Semester sich wiederholenden Zwischenfälle, durch die die Existenz ganzer Verbindungen in Frage gestellt wurde. Wer frühere Ehrenräte kennt, weiß, daß auch das sozusagen moralische Niveau keineswegs gesunken ist. Wir wissen genau, daß wir auf die Grundlagen des bundesbrüderlichen Zusammenhanges streng achten müssen und daß hier sehr vieles zu bessern ist. Schlechter als es früher war, ist es nicht. Wem aber das Kartell zu groß wird, wer sich in dieser Fülle von Bundesbrüdern r?icht mehr wohl fühlen kann, der stellt sich ein schlechtes Zeugnis aus für seine Freude am Wachsen der Idee, mit der auch alle seine menschlichen Erlebnisse untrennbar verbunden sein sollten. Merkwürdig ist es, daß die in dieser Richtung sich bewegenden Einwendungen von denselben Bundesbrüdeni ausgehen, die besonderen Wert auf die Werbearbeit legen. Ihnen dürfte doch das Kartell überhaupt nicht groß genug sein. Was werden sie tun, wenn ihr Ring mit dem Programm einer besonders gesteigerten Werbearbeit Erfolg hat? Dann müssen ja dieselben Zustände eintreten, die sie jetzt so heftig tadeln. Wir wissen, daß auch in einem großen Kartell wahre Bundesbrüderlichkeit aufrecht erhalten werden kann, wenn sie durch einen engen Zusammenhang der Bundesbrüder in den einzelnen Korporationen vermittelt wird. Man darf aber jetzt ebenso wenig wie früher verlangen, daß jede Auseinandersetzung unterbleiben und alle notwendigen Kampferscheinungen einer Entwicklung vermieden werden müssen, um ein gleichmäßig ruhiges Bild des Kartells zu bewahren, bei dem sich auch quietistische Geister wohl fühlen können. Unsere Bundesbrüderlichkeit wird sich immer darin bewähren, daß sie auch einer Fülle von Menschen mit verschiedenen Meinungen das Gefühl einer geistigen Verbundenheit und menschlichen Zusammengehörigkeit vermittelt. Schließlich gibt es noch einen anderen Grund. Man will sich nicht, wie Bundesbruder Pinner auf dem Konvent des V. J. St. Berlin ausführte, weiter majoxisieren lassen. Mit dieser Anschauung brauchen wir uns nach den im allgemeinen immer noch für gültig anerkannten Grundsätzen des Kartells nicht weiter auseinanderzusetzen. Wir hätten nur nicht erwartet, daß die Vertreter dieser Meinung als besonderen Progran.unpunkt ihres Ringes die Erziehung zur Disziplin aufstellen würden. Wie ernst es mit dieser Meinung bestellt ist, geht auch aus dem oben geschilderten Vorgehen der Ringanhänger hervor, insbesondere aus der Art, wie sie sich bei dieser Lebensfrage des Kartells zu den für dasj laufende Kartelljahr übernommenen Verpflichtungen und zu der vom Karielltag gewählten obersten Behörde stellten. Auch alle anderen Grundsätze einer richtig verstandenen korporativen Erziehung werden von den Ringanhängern für ihren Ring reklamiert. Sie sind bei ihnen gewiß aufs Beste aufgehoben. Das zeigt das Verantwortlichkeitsgefühl, mit dem unrichtige Behauptungen aufgestellt werden, das zeigt die bundesbrüderliche Art, in der unsere tatsächlichen Angaben mit „Informationen" angezweifelt werden, die aber nachher nicht zur Verfügung gestellt werden. Das zeigt die Methode, mit der man sofort unser Vorgehen als üble politische Mache zu diskreditieren sucht, während man selbst in einer Weise agitiert, wie sie etwa bei allgemeinen Wahlkämpfen üblich ist. Wir halten es allerdings auch für notwendig, daß die Begriffe der Disziplin und Bundesbrüderlichkeit einem Teil der Bundesbfüder noch mehr verdeutlicht werden als es heute der Fall ist. Aber wir werden

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