Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 6 (Oktober 1919)
- Date
- 1919-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3537599-3537737-3537743--4681-3542437- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
256 Die Ringbildung wir nach den bisherigen Leistungen gehen, kann man dem Ring der Ringanhänger auch auf diesem Arbeitsgebiet nicht viel vertrauen. Alle diese „zwingenden Notwendigkeiten" halten keiner ernsten Nachprüfung stand. Die verschiedenen Punkte sind nicht nur widerspruchsvoll in sich selbst, sondern zeigen sich auch im einzelnen als kümmerliche Versuche, künstliche Begründungen zu geben. Es gibt kein zionistisches Programm, das die Ringbildung rechtfertigen oder sich nur mit ihr vertragen könnte. Der gedankliche Unterbau dieser ungewöhnlich eingeleiteten, die Arbeit des Kartells ungewöhnlich belastenden Kampagne ist eine einzige große Negative. Es werden Gegensätze der Tendenzen, Anschauungen, Charaktere behauptet, die entweder nicht da sind oder jedenfalls keinen Maßstab für irgendwelche Gliederung im zionistischen Sinne bilden dürfen. Auch hier gilt wieder, was schon oben gesagt wurde: Selbst, wenn diese Gegensätze beständen, würde aus ihrem Vorhandensein erst recht die Notwendigkeit folgen, ihre Auswirkungen zu bekämpfen und nicht etwa sie durch organisatorische Anerkennung zu fördern; denn die Anerkennung dieser Differenzen bedeutet eine Schädigung der zionistischen Arbeit, bedeutet ein Geständnis der Unfähigkeit, Ziele, die als notwendig erkannt sind, durchzusetzen und eine aufbauende Arbeit auch zusammen mit Menschen zu verrichten, mit denen man nicht in jedem Punkte übereinstimmt. Der Nachweis dieser Fähigkeit aber wird gerade jetzt von uns verlangt. Resignieren wir gegenüber dieser Forderung, so geben wir damit zu, daß die Kräfte des deutschen Judentums für die Arbeit, die das jüdische Volk jetzt zu leisten hat, nicht mehr in Betracht kommen. Es hat schließlich auch Bundesbrüder gegeben, die nach den Widerlegungen der oben angeführten Argumente auf sie verzichteten. Auf dem Konvent des V. J. St. Berlin erklärte ein Vertreter der Zephirah schließlich, das Programm des Ringes der Ringanhänger müsse das Programm des Präsidiums sein! Ist das richtig, so braucht man ja nur darauf hinzuweisen, daß die zionistische Grundanschauung, aus der jenes auch von den Breslauer Bundesbrüdern mit Wärme anerkannte Programm des Präsidiums hervorgeht, die Differenzierung ohne weiteres verbietet, welche die Ringanhänger erstreben. Verantwortlichkeitsgefühl für sich und andere, Gemeinschaftsgeist und bewußte Förderung der Einheit, auch bei voller Anerkennung verschiedener Anlagen und Meinungen, sind aus dem Programm des Präsidiums nicht auszuscheiden. Aber die Bundesbrüder der Zephirah meinen, daß ihre Gegner, die sie in einen» anderen Ring verweisen wollen, sich unfähig gezeigt hätten, dieses Programm der K. J. V.- Erziehung durchzuführen. Die Begründung des Breslauer Bundesbruders auf dem Konvent des V. J. St. Berlin war im wesentlichen eine in diesem Sinne gehaltene Anklage gegen die Bundesbrüder von der Hacheruth. Seine Angaben erfolgten in Abwesenheit der beschuldigten Bundesbrüder, so daß wir dazu keine Stellung nehmen konnten. Wie weit gerade die Bundesbrüder, von denen die Ringaktion ausgeht, dazu berechtigt sind, anderen Verstöße gegen Disziplin und Bundesbrüderlichkeit vorzuwerfen, mag man nach der Art ihres Vorgehens beurteilen. Aber selbst, wenn alles richtig wäre: wie merkwürdig ist es, daß gerade diejenigen Bundesbrüder darauf verzichten, bei einem großen Teil unserer Leute das für richtig erkannte K. J. V. - Programm durchzusetzen, welche die Arbeit am deutschen Judentum als ihre Spezialarbeit in Anspruch nehmen. Sie werden hier doch sicherlich mit noch viel schwierigeren Elementen zu tun haben, als sie im K. J. V. sich, zeigen. Der Verzicht auf große Teile von Zionisten wäre kein gutes Zeichen für die Fähigkeit zum Kampf um das deutsche Judentum. Auch hier wieder muß das zionistische Pflichtgefühl entscheiden. Erkennt man mit dem Breslauer Bundesbruder das von uns für das K. J. V. aufgestellte Erziehungsziel für richtig an, so gibt es nur eins, es unter allen Um ständen durchzusetzen. Müde Resignation, die auch einen anderen Weg zuläßt, ist schon ein grundsätzlicher Widerspruch mit diesem Programm.