Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Aus dem Altherrenbunde Herren, besonders solche über 30 Jahre, sind einer Beeinflussung nicht mehr so zugänglich wie die Jugend, sind auch einer bewußten Erziehung von außen nicht mehr fähig. Man kann die Menschen in diesem Alter nicht mehr anders gestalten, sondern ihneli nur Gelegenheiten zur Betätigung: geben. Darum könnte anch eine besondere Altherren-Organisation nur eine unterstätzende, ordnende Tätigkeit ausüben. Der Jungbrunnen für alle ist das wirkliche Leben der Jugend, die man nicht kritisch betrachten* nicht annehmen oder ablehnen darf. Leute, die sich einer Sache nicht ganz hingeben, werden sie nicht beherrschen; entscheidend ist immer die Glut des Empfindens. Man muß mit der Jugend ringen, ohne mechanisch ihre Ergebnisse zu übernehmen, muß in ihr selbsttätig wirken und sie als gleichberechtigt nehmen. Die AUherren-Frage ist zugleich die Frage der zionistischen Bewegung überhaupt. Alle formalen Mitel sind nur unterstützende und ordnende, aber man darf nicht glauben, daß dadurch die Menschen anders werden. Die beste Arbeit des Bezirksverbands wird die Menschen nicht ändern, wenn nicht zugleich das Empfinden in ihnen ist, daß Zionismus die Bewegung des jüdischen Lebens ist. — Die Beratungen am Nachmittag begannen mit einem Referate von A. H. Lachmann über die Sonderaufgaben des Alten Herrn in der Oeffentlichkeit. Der Grundgedanke seiner Ausführungen war der, daß unser eigenes jüdisches Leben nicht das Primäre sei und nicht Selbstzweck; eskomme nicht darauf an, daß wir selbst befriedigt seien, sondern wir müßten Einrichtungen fördern, die für die Gesamtheit von Bedeutung sind, müßten den K. J. V.-er-Gedanken in weiteste Kreise tragen und so wie die Akademiker jedes Volkes das Rüstzeug für den geistigen und politischen Kampf schaffen. Bei der Erfüllung dieser Aufgaben müßten wir auf das Material, das wir ummodeln wollen, Rücksicht nehmen, müßten bedenken, daß wir es in der Mehrzahl mit Philistern zu tun haben. Wenn wir planen, die jüdische Oeffentlichkeit zu beeinflussen, so dürften wir sie nicht durch Feindseligkeiten vor den Kopf stoßen, sondern müßten die Methode der Beziehungen, der verbindlichen Arbeit zur Durchführung bringen, müßten uns persönliche Sympathien verschaffen, um in jede Arbeitsgemeinschaft aufgenommen zu werden, mit einem Worte, müßten wieder zur Methode der freundlichen Infiltration zurückgreifen. — In der darauf einsetzenden Generaldiskussion wurden im wesentlichen aus Mangel an Zeit lokale Fragen erörtert. Erwähnt seien ein Vorschlag von A. H. Wunderlich, zwecks Zentralisierung der zionistischen Arbeit für Schlesien in Breslau ein Büro zu errichten und einen Parteisekretär anzustellen, sowie eine Anregung von A. H. S t e i n i t z, die wissenschaftlichakademische Arbeit für den Aufbau Palästinas und das Diasporajudentum, welche die eigentliche Aufgabe des K. J. V. darstelle, zu organisieren. Mit einem ausführlichen Palästinareferat von Blumenfeld schlössen die Beratungen. Anläßlich der Tagung fand auch* eine vom Bezirksverband einberufene öffentliche Versammlung statt, die stark besucht war, und bei der Blumenf e 1 d über: „Der Aufbau Palästinas, die Aufgabe des Gesamtjudentums" sprach. Eine gemeinsam mit den beiden Verbindungen veranstaltete Kneipe, die weit über hundert Bundebrüder vereint sah, schloß die Tagung. Lothar M a r k i e w i t z: