Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537737-3537741--4576-3542330- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vom Präsidium 153 Vom Ueberweisungsressort Die UeberWeisungen für das Sommersemester sind abgeschlossen. Ihr Ergebnis entspricht nicht der intensiven Arbeit, die auf sie verwandt worden ist In Freiburg und Heidelberg haben sich derartige Mengen von Bundesbrüdern angesammelt daß der Betrieb unter der Masse der Anwesenden' leidet, während in Leipzig, Münster und Greifswald durch den Mangel an Aktion jede Tätigkeit in Frage gestellt worden ist Wenn wir nun alle widrigen Zeitumstände, die ungünstigen Lebens- und Verkehrsverhältnisse, die politischen Wirren, die Notwendigkeit einer größeren Intensivierung des Studiums bei; vielen Bundesbrüdern und endlich den späten Beginn der Ueberweisungsarbeit — voll in Betracht ziehen, so ist doch noch immer ein guter Teil des Mißerfolges auf das Konto der jüngeren Bundesbrüder zu setzen, die den Geist der freiwilligen Unterordnung und das Gefühl der Verantwortlichkeit vielfach vermissen lassen* ohne das wir nichts erreichen können. Schon die Korporationen lassen es oft an der nötigen Gewissenhaftigkeit in der Erledigung technischer Dinge fehlen. Man hat zuweilen den Eindruck, als wenn sorgfältig ausgearbeitete Formulare des Präsidiums erst einige Wochen in irgend einer Schublade ruhen, um dann nach wiederholten Ermahnungen flüchtig und unvollständig ausgefüllt zurückgesandt zu werden. So fehlten die von uns geforderten sorgfältigen Herakleristiken der zu überweisenden Bundesbrüder meist völlig, oder sie waren so unbrauchbar, daß sich aus ihnen niemand ein Bild machen konnte. Wie aber sollen wir die zu Chargierten, zu hebräischen! Lehrern, Kursleitern, Sportwarten und Wanderführern geeigneten Aktiven planmäßig auf das Kartell verteilen, wenn man uns aus Nachlässigkeit die notwendigen Unterlagen gar nicht oder uns unvollkommen zukommen läßt? Die Objekte unserer Ueberweisungstätigkeit aber zerfallea in zwei Kategorien: in solche, die nach langwieriger Korrespondenz mit dem Präsidium meistens ihren eigenen Wünschen und ganz selten einmal unseren Ratschlägen folgen, und solchen, die ganz unbekümmert um uns ihren Studien sich aussuchen und uns dann beiläufig einmal ihre neue Adresse mitteilen. Die erste Kategorie ruft durch die Art ihrer Korrespondenz oft den Eindruck hervor, als wenn sie das Präsidium für einen Gegner hielte, den man nach Kräften übers Ohr hauen müßte und dürfte. Man spricht mit allerlei, mehr oder minder durchsichtigen Gründen und Eindrücken, man wehrt sich zähe und aus Leibeskräften und man sucht wenigstens zum Schluß noch etwas herauszuschlagen: „Wenn nieht Freiburg dann wenigstens Würzburg oder Gießen, aber nicht Münster."