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Der jüdische Student · 1919-06-01 · Heft 4 (Juni 1919) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
16 (1919)
Issue
Heft 4 (Juni 1919)
Date
1919-06-01
Page
[Seite] (sequence 39)
Language
German
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Kirschner, Der V. J. St. Berlin 147 tut mir allerdings leid.*) Ich selbst bin nicht religiös, der größte Teil unserer Aktivitas wohl auch nicht (ich habe die Gretchenfrage nicht gestellt); aber ich habe, wenn ich z. B. am Freitagabend Kiddusch mache, und unsere Jungens haben, wenn wir sie zum verständnisvollen Miterleben nicht kultischer Formen, sondern der Inkarnationen unseres religiösnationalen Genius angehalten haben, wohl noch nie das Gefühl gehabt, religiös genotzüchtigt zu werden, heucheln zu müssen; wir fühlen uns einfach durch Jüdisches mit unserm Volk innig verbunden. (All das hat mit der „Misrachikorporation" natürlich nichts zu tun.) Unsere Pläne zur Ausgestaltung und Vertiefung des Gemeinschaftslebens der Aktivitas gehen noch weiter: aber es sei mir erlaubt, hierüber noch zu schweigen, solange wir nicht mit fertigem Resultat kommen können. Jüdisches Leben ist für uns Juden in Westeuropa, in Deutschland, in Berlin, nicht möglich ohne jüdische Formen; man kann nicht über das Was, höchstens über das Wie und Wieweit streiten. Aber noch eins kann nicht ausgeschaltet sein: die Beschäftigung mit dem klassischen Hebräisch. Solange ich im V. J. St Berlin gearbeitet habe, habe ich auf hebräische Bibelkurse gedrungen; mit den ersten vor fünfzehn Jahren begonnen, die letzten im Kriege gegeben, und augenblicklich halte ich einen über „das soziale Programm der Bibel" mit Lektüre der in Betracht kommenden Stellen ab.**) Herzliche Vertiefung, wie in die Märchen der Bibel so in die prophetische Predigt, in die geschichtlichen und die gesetzlichen Bücher, in die Psalmen usw., das hat noch immer einen (guten Boden für eine wurzelhafte nationale Erziehung abgegeben, aus dem, gewiß in Verbindung mit vielen anderen Faktoren, ein sinniges jüdisches Treugefühl, tiefste Verbundenheit mit der *) Es scheint, daß hauptsächlich aus solch bodenloser Unjütlischkeit heraus ein als Eröffnung des Kartelltages ursprünglich in einer Synagoge geplant gewesener Maskir neschomaus für unsere Gefallenen hintertrieben worden ist. Jedenfalls habe ich eine wirklich stichhaltige Erklärung für die unerhörte Unterlassung nicht erhalten können. Zu einer öffentlichen Anfrage auf dem Kartelltag konnte ich mich nicht entschließen. **) Nicht zuletzt, um den ^undesbrüdern die lebendige Kontinuität zwischen dem Getist unserer Zeit (der ethische Sozialismus ist keine ephemere xVlodesache, kein Kaffeehausgewächs, wie man uns jetzt gern einreden möchte) und dem Gerechtigkeitsideal der Bibel, der Grundidee unseres nationalen Geistes zu vermitteln; ich hoffe, den Grundriß dieses Kurses sowjie einige weitere Skizzen zur „Erkenntnis des attjüdischen Nationalcharakters" im Rahmen der Broschürenbibliothek des K. J. IV. demnächst veröffentlichen zu können. — Im Kreise einiger im Hebräischen fortgeschrittenen Bundesbrüder lesen wir in diesem) Sommer auch die Pirke owauss als Einführung in die nationale Ethik der Mischnazeit.

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