Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537737-3537741--4566-3542320- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kirschner, Der V.J.St. Berlin 143 2. Wenn auch ich ein paar Worte über die Arbeit des V. J St Berlin sagen möchte, die ich jedoch nur als Ergänzung zu Fischers Ausführungen anzusehen bitte, so fühle ich die Verpflichtung hierzu, weil ich) einer der Alten Herren bin, die sich seit bald einem Jahre mit Eifer und Liebe um den V. J. St. Berlin gekümmert haben und in mancher Hinsicht für seine neueste Entwicklung, seine Betätigung, seine Tendenzen verantwortlich sind. Was ich sage, ist meine ganz persönliche Ansicht und gibt zum Teil nur die Wünsche wieder, die ich für die Zukunft des V. J. St. Berlin hege.*) Uebrigens spreche ich vieles, was selbstverständlich ist, nicht erst aus. Da ich Klarheit liebe und Schaumschlägerei hasse, muß ich, um mich dem Kartell verständlich zu machen, ab ovo anfangen. Ich gehe aus von der doppelten Aufgabe, die das Erziehungsprogramm des K- J. V. umschließt: Wir wollen jüdische Menschen erziehen, die sich vor allem, primär, als Juden fühle n, deren Einzelbewußtsein tief im Jüdischen verankert ist, die einen lebendigen Zusammenhang mit dem vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen jüdischen Schicksal empfinden, und zwar mit einem Glücksgefühl efnpfinden, und die, darüber hinaus, bereit sind, als Juden zu handeln, an der Verwirklichung der Aufgaben aktiv teilzunehmen, die wir im Sinne der Erlösung unseres Volkes, zu seiner Erhaltung und zu seiner Aufwärtsführung, als historische Notwendigkeit erkannt haben; auch als Juden handeln' zu dürfen, sollen sie als Glück empfinden. Neben den Einwirkungen auf das Gefühl und den Willem erachten wir, um diese beide Strebungen des Seelenlebens real zu fundieren, eine rein wissensmäßige Ausbildung, die Erweiterung der Kenntnis und Erkenntnis jüdischer Dinge für unerläßlich. 1 Bevor ich etwas will, muß ich es, gefühlsmäßig oder intellektuell oder in beiden Richtungen zugleich, erkannt haben. Der Einwirkung auf den Willen muß die auf Gefühl und Erkenntnis vorausgehen. *) Die Identifizierung des V. J;. St. Berlin mit der sog. Zwirnsdien Richtung, d»ie mögliche Charakterisierung unserer Verbindung als Stoßtrupp Zwirns lehne ich für meine Person und, wie ich weift, im Sinne sehr vieler meiner engeren Bund'esbrüder ab. Der V. }4 St Berlin ist auf gär keine persönliche Richtung eingeschworen. Zwirn befindet sieb mit seinem negativen Radikalismus, umgeben von ein paar seiner alten Freunde, die seit unvordenklichen Zeiten so gut wie gar nicht im V. j. St. Berlin praktisch mitgearbeitet haben, m. E. in einer — vielleicht splendid — Isolation. Dies ein für alle mal. Trotzdem verbindet mich viel mit Zwirn: die selbstverständliche, tief eingewurzelte Jüdischheit, die sieb nicht mit sich selbst abquält, sondern die da ist und sich an sich selbst erfreut? sodann die heiße Liebe zur Stammkorporation, die persönliche Anhänglichkeit.