Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Kirschner, Der V.J. St. Berlin So ist m. E. das erste Erfordernis, daß unsere Jungens fühlen, daß sie, daß wir alle im Jüdischen zusammengehören. Da aber unser jüdischen Bewußtsein den Kern unserer Lebens^ anschauung, den Höhepunkt unseres Menschentums bilden soll, bedingt die Solidarität im Jüdischen zugleich eine Verkettung im Menschlichen. Daher mußte für uns jetzt beim Wiederaufbau des Berliner V. J. St. zunächst einmal der Wunsch richtunggebend sein, die Verbindung zur zweiten Heimat der Aktivitas zu gestalten. Hierbei war uns von vornherein klar, dass das Kneiplokal nicht nur in seiner heutigen Gestalt, {sondern seinem Wesen nach auch bei freundlicheren Formen immerdar für diesen Zweck ungeeignet ist. Ihm fehlt die Wärme der Häuslichkeit, es mangelt aller Voraussetzung zur Gemütlichkeit, ihm ist, trotz der jüdischen Bilder und Ansichtskarten, die die Wand zieren, alles Jüdische fremd. Für Konvent und Unterricht mag es genügen, für freundschaftliches Sichnäherkommen, für Erziehung zum menschlichen Bund nicht. Im vergangenen Sommer hatteich daher meine Wohnung zum allwöchentlichen Treffpunkt für den V* J. St. Berlin (gedacht war nicht nur an seine Aktivitas) zur Verfügung gestellt; seit dem Winter sind die Altherrenabende dahin ausgestaltet worden, daß sich die Verbindung der Reihe nach bei ihren Alten Herren, hauptsächlich den Verheirateten, einladet und so jede Woche wenigstens einen gemütlichen, anregenden Abend in einer jüdischen Häuslichkeit verbringt. Zwei Vorteile scheinen sich uns zugleich mit dieser Institution zu verknüpfen: einmal die Wiederannäherung zahlreicher Alten Herren an uns, an unsere Ideen, an die Entwickelung des Kartells und des Zionismus, eine Annäherung, die wir immer schon als so bitter nötig empfunden hatten, ohne jedoch daß es früher gelungen war, die Alten an uns heranzuziehen, mit unseren Interessen zu verknüpfen — jetzt machen wir es wie der Berg, der zu Muhammed kommt —; zurrt andern vermag dadurch die Aktivitas ihrerseits auch von vielen Alten Herren Nutzen zu ziehen, an ihrem jüdischen Wissen sich zu bereichern, von'ihrem jüdischen Gefühl sich beleben, von ihrem jüdischen Willen sich fortreißen zu lassen. Diese andauernde Wechselwirkung von der Aktivitas auf die Alten Herren, von denen ein Teil aus seiner Versteinerung, aus seinem Winterschlaf erweckt wird, und von den Alten Herren auf die Aktivitas, die aus ihrer studentischen Isoliertheit und aus der nachgerade traditionellen Traditionslosigkeit in jüdischen Dingen gelöst, der Gefahr unfruchtbarer Himmelstürmerei entrissen, in der Tendenz zu maßlos verstiegener Ueberheblichkeit gezähmt wird,, ich sage: die^e Wechselwirkung kann nur von Segen sein, zumal sie ein drittes, vielleicht noch wichtigeres Moment erzeugt, das Gefühl der Aktivitas auch der menschlichen, der persönlichen *Verbundenheit mit allen ihren Bundesbrüdern.