Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537737-3537741--4562-3542316- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Fischer, Der V. J. St. Berlin 139 kenner eines Programms, nicht aber Erkenner einer Idee sind. Erkenntnis kann nur erreicht werden durch langsame Erziehung am besten in kleinen Gruppen, nicht durch Massenpsychose. Wir wollen Erziehungs- und Lebensgemeinschaften sein, keine Tatgemeinschaften; wenigstens nicht in dem Sinne, daß die Tat das Gemeinschaftsband ausmacht, -sondern Gemeinschaften, deren verbindendes Fluidum die Tat erzeugt. Nicht Voraussetzung, organische Folge soll sie sein. Wir im V. J. St. Berlin sehen darum im Inhalt des alten K. J. V.-Programms, das die primitive, gerade, männliche Erziehung zum obersten Gesetz macht, unser Leitmotiv. An diesen Inhalten lassen wir nicht rütteln, selbst wenn die äußeren Formen andere werden, an deren Umgestaltung wir selbst mitarbeiten wollen. Fern aller Ekstase und ungesunden Romantik, die' bei manchen Zionisten schon einen Stich ins Psychopathische hat, wollen wir mit Nüchternheit und Einfachheit, mit Ernst und Geduld unser Erziehungsprogramm verwirklichen. Nicht besonders neue, aber nach unserer Ansicht auch nicht die schlechtesten Methoden sollen den V. J St. Berlin auf dem Wege zum Judentum führen. Analog dem -biogenetischen Grundgesetz, nach dem die Ontogenese eine rasche Rekapitulation der Phylogenese ist, muß die Erziehung des Einzelnen ein Abbild der Entwicklung unserer zionistischen Ideenwelt sein; alle Stadien der Bewegung muß sie durchlaufen. Bedauerlicherweise beginnt in Deutschland das Erfassen unserer Erziehungsobjekte erst bei einem vorgeschrittenen Alter, bei den für uns in Betracht Kommenden in ihrer5" überwiegenden Mehrzahl beim Betreten akademischen Bodens. Folgende Stufen der Erziehung sind gegeben: 1. Erweckung jüdischen Bewußtseins a) seine Verwurzelung und Vertiefung b) Erkennen jüdischer Not, Wille zur Befreiung, 2. Streben nach jüdischen Formen und Inhalten. Daher legen wir zunächst größtes Gewicht auf die Erlernung jüdischer Geschichte. Nur gründlichste Kenntnis unserer Vergangenheit und Gegenwart verankert am sichersten den Willen zu einer jüdischen Zukunft. Ist doch Zionismus die geradlinige Fortsetzung einer zweitausendjährigen Willensgeschichte! Kennen und Verstehen alter Tradition sind die Grundsteine einer neuen, werdenden. Fühlt der junge Fux sich nicht fremd in tien Gefilden der Geschichte, so wird er angeregt mit Eifer und kräftigen Rückhalt durch das Gewirr aller modernen Jugendprobleme und der noch heißumstrittenen zionistischen Fragen selbständig seinen Weg finden. Abseits aller Oberflächlichkeit und Schlagworte muß gründliches Wissen und Verstehen deir primärsten und primitivsten Fragen Vorbedingung sein zu eigener Urteilskraft un^ -fähigkeit. Jüdische und zionistische Ge-