Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Neufeld» Die innere Krisis 135 II Das Kartell befindet sich seit dem letzten Kartelltage in einem Zustande, ider immer unhaltbarer; wird, und uns auf eine schiefe Ebene bringt, die immer steiler wird. Von einem einheitlichen, geregelten Korporationsbetrieb ist — hier in Freiburg und, wie ich weiß, in vielen andern Verbindungen — absolut nichts mehr zu merken.u Das Gefühl der Bundesbrüderlichkeit, das Gefühl, in einer4 geschlossenen Phalanx für unsere Ideen zu kämpfen, ist gänzlich geschwunden. Statt unsere Kräfte zusammengefaßt für unsere Arbeit nach innen und außen zu brauchen, bekämpfen wir uns innerhalb unserer Gemeinschaft schlimmer als die extremsten politischen Gegner. Das Fiasko der Keilarbeit im ganzen Kartell zeigt uns, wohin wir steuern; nicht mehr lange und das stolze Gebäude unseres Kartells ist in einen Trümmerhaufen zerfallen, auf dem der K. C. seine Triumphe feiert. So können wir die Karre unmöglich weiter laufen lassen, sonst haben wir uns eines Tages so fest gefahren, daß wir überhaupt nicht mehr weiter können. Der Gedanke (der Einheit des Kartells hat jetzt schon, nach -so kurzer Zeit, bankrott gemacht. Das „innere Leben" der Verbindung und vor allem das klägliche Ergebnis der Keilarbeit sollte doch endlich all denen die Augen öffnen, die immer noch auf das Flickwerk des letzten Kartelltages, auf das Kompromiß der Einheit schwören. Letzten Endes ist es ja nicht nur die Auffassung der äußeren Arbeit, die uns trennt, es ist auch die Auffassung von der Verbindung als solcher und schließlich die Art der Lebensform. Die Gruppe, zu der ich mich rechne, will ihre Jugend, ihre jüdische Jugend in einer anderen Art leben und erleben, als die Blau-Weißen und die Bundesbrüder vom Hechawer. Wir sehen in unserer Verbindung mehr als eine bloße Arbeitsgemeinschaft, mehr als eine Akademie für jüdisches Wissen. Wir haben nicht mehr Platz nebeneinander im Kartell. Dazu sind die Gegensätze zu groß geworden. Die Frage der Trennung wird täglich brennender. Wir sollen aber mit der Lösung dieser Frage nicht bis zum nächsten Kartelltag warten. Das Präsidium sollte die dringende Notwendigkeit einer schnellen Lösung erkennen und zum Schluß des Semesters einen außerordentlichen Kartelltag einberufen, der uns aus der gegenwärtigen Misere herausbringt, damit wir im Wintersemester wieder freudig von neuem an die Arbeit gehen können. Wir, die wir fußend auf der alten B. J. C.-er- und K Z. V.-er- Tradition im Rahmen eines disziplinierten Korporationslebens weiter arbeiten wollen, wollen uns in unserer Arbeit nicht stören lassen. Wir verlangen ein tatsächlich einheitliches Kartell, weil wir glauben nur so Ersprießliches leisten zu können. Freiburg i. Br. Norbert Neufeld