Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 4 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537737-3537741--4559-3542313- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
136 Cohn, Die innere Krisis HI Am 27. Mai hat eine Sitzung des erweiterten Präsidiums stattgefunden, in der im Anschluß an eine Besprechung der Verhältnisse in Heideiberg sich eine Debatte über den Sinn des K. J. V. entspann, die etwa vier bis fünf Stunden währte, ohne zu einem greifbaren Resultat zu führen. Man wird sich der Worte Blumenfelds vom Kartelltag entsinnen, daß er K. J. V. machen wolle. Seit dem Kartelltag sind nun über drei Monate ins Land gegangen und wir müssen allmählich der Frage nähertreten, ob das Präsidium die gewiß hohen Erwartungen, die von seinen Freunden an seine Wahl geknüpft wurden, zu erfüllen verspricht oder nicht. Auch derjenige, der sich zwar loyal auf den Boden der durch den Kartelltag geschaffenen Verhältnisse gestellt, den Wegj den Blumenfeld vorzeichnete, aber nicht für den richtigen gehalten hat, wird dem Präsidium seine Anerkennung nicht versagen können. An technischer Arbeit ist zweifellos Gewaltiges geleistet worden. Der Schlendrian, der während des Krieges; in erschreckender Weise eingerissen war, hat aufgehört. Wichtiger als das ist aber, ob es Blumenfeld nach Aufrechterhaltung der organisatorischen Einheit des Kartells gelungen ist, die geistige Einheit wieder herzustellen. Die Gruppe um den V.J.St. Berlin hatte dies bekanntlich nicht für möglich gehalten, sondern geglaubt, daß ein weiteres Zusammenarbeiten nur zu neuen Reibungen und Differenzen führen würde, die die Keilerfolge lähmend beeinflussen müßten. Wem hat nun die Entwicklung recht gegeben? Die Tatsache, daß jetzt noch innerhalb des Präsidiums stundenlange Debatten über den Sinn des K. J.V. -stattfinden, spricht nach meiner Auffassung Bände. Für wirkliche K. J. V. - er ist eine solche Debatte ein Unding. Ihnen ist das K. J. V. keine Frage, sondern ein Erlebnis:' die jüdische Heimat. Nach drei Monaten Amtstätigkeit des neuen Präsidiums sind wir nun glücklich soweit, daß selbst in seinem Schöße die Tendenzen, an den Grundlagen unseres Bundes herumzudoktern, nicht überwunden sind. Der eine hält das K. J. V. für ein Institut zur Erlernung der hebräischen Sprache, der andere meint, die Hechaluzbewegung müsse der; Sinn des K. J. V. sein. Während aber im Präsidium an sachlicher Arbeit Tüchtiges geleistet wird, muß in den Korporationen die verschiedene Auffassung vom K.J.V. ein gedeihliches Zusammenarbeiten der einzelnen „Richtungen" notwendigerweise unmöglich machen. Und dem ist in der Tat so. Fast in jeder größeren Provinzkorporation folgt ein „Stunk" dem andern. Die alten K. J.V.-er, die bereits vor dem Kriege aktiv waren und die Träger des Korporationslebens sein könnten, haben sich zum großen Teil in Verärgerung zurückgezogen. Die jüngsten Generationen stecken tiefer in ihren gemeinschaftszerstÖrenden, anarchistischen Anschauungen als je. Man hat nicht ver-