Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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86 FREUNDLICH, Kartelltägs-Gedanken im deutschen Judentum und unsere Entwicklung bringt uns in immer größeren Abstand zu allen anderen deutschen Juden. Durch die größeren Möglichkeiten unserer Arbeit in Palästina liegen uns außerdem in letzter Zeit erheblich gesteigerte zionistische Pflichten ob, Pflichten, die vor allem im Erlernen der hebräischen Sprache, im Ergreifen neuer Berufe liegen, und die uns zweifellos so ausfüllen könnten, daß wir an ihnen Genüge haben, und uns auf sie beschränken. Es liegt deshalb nahe, daß »manche von uns zu dem Standpunkt gelangen, das K. J V. könne sich mehr oder minder ausschließlich der zionistischen Ausbildung seiner Mitglieder widmen, brauche nur „intensiv", nicht gleichzeitig auch „extensiv" zu arbeiten. Für den unbedingt erforderlichen Nachwuchs, glauben diese Bundesbrüder, brauche das K. J. V. nicht besorgt zu sein. Blau-Weiß und andere Jugendorganisationen würden dafür sorgen, daß Leute zu uns kommen, die ohne Schwierigkeiten in unseren Aufgabenkreis hineinwachsen können, deren Erziehung wir ja seit Jahren beeinflußt haben. Außerdem gäbe es immer eine Reihe junger Juden, die gleichsam instinktiv den Weg zu uns fänden. Im übrigen aber könne man das deutsche Judentum ruhig seinem Schicksal überlassen, zumal die Arbeit an ihm leicht zur Verflachung und Veräußerlichung führe und uns die Möglichkeit nehme, im K. J.V. eine Gemeinschaft von „Wahlverwandten", von wahrhaft innerlich Verbundenen zu schaffen. Läßt man sich von diesen Gesichtspunkten leiten, dann gelangt man leicht zu dem Cohn* sehen Satze, nach dem nicht die Zahl, sondern nur die Güte unserer Füxe uns stolz machen dürfe; dann wird man auf jede größere Werbearbeit verzichten. Wir anderen aber glauben, daß diese Gesichtspunkte für das K. J. V. nicht ausschlaggebend sein düifen. Wir sehen wohl die vielen und schwierigen Aufgaben, die aus der notwendigen Intensivierung unseres Judentums resultieren. Wir meinen auch, daß diese Arbeit auf das sorgfältigste geleistet werden muß. Wir sehen weiter die Gefahren der Verflachung, die die immerwährende und immer neue Beschäftigung mit Nichtzionisten dem Einzelnen und der Korporation bringt. Trotzdem glauben wir, daß die Nationalisierungsarbeit am deutschen Judentum nicht aufgegeben werden darf. Wir können nicht glauben, daß unser kleines Häuflein bereits die Schar der Auserwählten unter den deutschen Juden ist, die bestimmt ist, die Erhaltung des Judentums zu ermöglichen. Es sind meist Zufälligkeiten, aie uns zu Zionisten gemacht haben, nicht die Schlechtesten sind es, die, vielleicht ebenfalls aus Zufall, noch nicht Zionisten geworden sind; sie wären vielleicht unsere Führer geworden, hätte man ihnen eine Gelegenheit geboten, den Weg zu uns zu finden. Es hieße gegen den Grundsatz der Einheit und Gemeinbürgschaft des Juden.