Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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FREUNDLICH, Kartelltags-Gedanken 85 im Rahmen des Kartells vollziehenden Geistesentwicklung, sie ^waren auf sich selbst gestellt oder standen unter dem Einfluß eines anderen Milieus, in das ihr Schicksal sie zufällig verschlagen hatte. So stehen wir denn vor einer schweren Krisis im K. J. V., vor der Tatsache, daß man von einer Einheit im Kartell kaum noch sprechen kann. Viele Bundesbrüder glauben nicht mehr an die Möglichkeit seiner Erhaltung. Sie meinen, daß eine gemeinsame Basis für die* Arbeit des Kartells nicht mehr vorhanden sei, daß die Unterschiede zwischen den Bundesbrüdern, die durch ihre verschiedenartige Entwicklung im Kriege entstanden sind, so groß seien, daß sie die Schlagkraft des Kartells nach innen und außen lähmten. Ihren beredtesten Ausdruck hatte diese Ansicht in dem Antrage vieler Bundesbrüder zum Kartelltag gefunden, die Einheit des Kartells aufzugeben und zwei oder drei Ringe zu bilden, die nur durch ein rein organisatorisches Band lose zusammengehalten würden. Und wenn dieser Antrag nicht zur Abstimmung gebracht wurde, so geschah es nicht, weil die Antragsteller ihn als unnötig erkannt hatten, sondern nur, weil sie nicht als Zerstörer des Kartells auftreten wollten, solange andere an die Möglichkeit seiner Erhaltung glaubten. Der Umstand, daß die Krisis vor allem dadurch hervorgerufen worden ist, daß der Krieg die einheitliche Entwicklung der Bundesbrüder unmöglich machte, ergibt nun deutlich, daß die Unterschiede zwischen den einzelnen Richtungen im Kartell nicht damit zu erklären sind, daß man die eine als die höhere Stufe der Entwicklung darstellt, während die Anhänger der anderen Richtung in der Entwicklung des Kartelllebens zurückgeblieben seien. Und doch wird häufig (s. z. B. Berthold Cohn in der „Arbeit", Heft 3) behauptet, daß der Gegensatz in den Anschauungen der Bundesbrüder darauf beruhe, daß eine „korporative" Richtung aus „Standesdünkel" usw. gegen die Abschaffungen überlebter Korporationsformen sei. Die Abschaffung vieler unserer früheren Korporationsformen (Kneipe usw.) wird jedoch von den meisten, welcher Richtung sie auch angehören, als erforderlich angesehen, und soweit über die Zweckmäßigkeit der Abschaffung mancher dieser Formen Meinungsverschiedenheiten bestehen, sind diese leicht zu überbrücken und werden niemals zu einer Spaltung des Kartells führen. Selbst das vielleicht etwas übereilte Verbot der unbedingten Satisfaktion wird keine ernsthaften Schwierigkeiten zur Folge haben. Wenn dennoch eine schwere Krisis das Kartell zu Fall zu bringen droht, so muß es sich um Dinge handeln, die in ganz ariderem Maße prinzipieller Natur sind. Der deutsche Zionismus befindet sich in einer überaus schwierigen Situation. Wir Zionisten sind eine kleine Minderheit