Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1919-05-01 · Heft 3 (Mai 1919) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
16 (1919)
Issue
Heft 3 (Mai 1919)
Date
1919-05-01
Page
[Seite] (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3537599-3537737-3537740--4503-3542256
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

COHN, Zur Satisfaktionsfrage 83 Gibt es nun aber wirklich ernsthafte Gründe innerer Natur, die es einer größeren Anzahl von Bundesbrüdern unmöglich machen, ohne die Mensur auszukommen, und die alle jene Vorteile überwiegen, die den Kartelltag zur Abschaffung der Satisfaktion bewegen? Ich muß das aufs entschiedenste bestreiten. Wir mußten uns schließlich sagen, daß durch den Verzicht auf den Komment mit seinen auswendig gelernten Phrasen eine ehrenhafte Erwiderung antisemitischer Beleidigungen bedeutend erschwert ist, daß mit der Satisfaktion auch Unentschlossene und Feige leicht kommentmäßig regieren und in der Gesellschaft anderer scheinbar fest und sicher auftreten können. Aber kann uns dies dazu bewegen, einen Zustand zu bejahen, den wir mit unserer inneren Entwicklung für unvereinbar halten? Wenn der V. J. St. Barkochba schreibt, daß eine „Reihe älterer Bundesbrüder das Bedürfnis haben, auf jede auch nur antisemitisch scheinende Aeußerung prompt zu reagieren", so möchte ich hinzufügen, daß wir das auch nach dem Kartelltagsbeschluß von jedem Bundesbruder, dem ältesten wie dem jüngsten, ausdrücklfch verlangen und daß gerade jetzt rücksichtslos ein jeder zu entfernen ist, der sich in dieser Beziehung etwas zu Schulden kommen läßt. Aber wir müssen stark, entschlossen und selbständig genug sein, das auch ohne Anlehnung an das uns wesensfremde Prinzip der deutschen Waffenstudentenschaft zu tun. Und wenn die Göttinger weiter schreiben, daß sie durch die Abschaffung der Satisfaktion gezwungen seien, ein Verhalten an den Tag zu legen, das ihrer inneren „Konstitution nicht entspricht" so beweist das nur, daß diese innere Konstitution keineswegs gesund und stark wandelungsbedürftig ist. Denn jeder K. J. V.-er muß empfinden, wie wenig das deutsche Satisfaktionsprinzip unserem Wesen entspricht, er muß es geistig überwunden haben und darf es höchstens als Möglichkeit anerkennen, sich auf den deutschen Hochschulen durchzusetzen. Die Widerstände gegen den Kartelltagsbeschluß entspringen keinem beachtlichen jüdischen Bedürfnis, sondern dem Trägheitsstandpunkte der Bundesbrüder, die sich durch die Satisfaktion geborgen und beschützt fühlen; wir dürfen daher ruhig über sie zur Tagesordnung übergehen, so wenig wir ein Referendum oder einen außerordentlichen Kartelltag zu fürchten haben. Unsere Aufgabe ist es vielmehr jetzt, den neuen Standpunkt innerlich zu verarbeiten und wirklich durchzusetzen. Mit aller Energie und der ganzen Macht unserer Disziplinarmittel müssen Versuche wie die der Göttinger unterdrückt werden, die dazu dienen, das Mensurverbot zu umgehen. In unseren Fuxenstunden muß darauf hingewiesen werden, wie wir uns zu unserem heutigen Standpunkte entwickelt haben, die inneren Beziehungen müssen dargelegt werden, die zwischen unserem Satisfaktionsbegriff und unserem ganzen geistigen Leben bestehen. Unsere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.