Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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STEINITZ, K. J.V. und Universitätsgründung 75 Sie ist der eigentliche Brennpunkt des geistigen Lebens der Nation: Kant und Fichte, Schelling und Hegel, Herbart und Schopenhauer lehren an ihr, und es ist wahrlich kein Zufall, daß auch das große Dichterpaar in engste Beziehungen zur alma mater tritt: Schiller doziert Geschichte und Goethe waltet mit vollster Hingebung seines Amtes als Kurator der Universität Jena. Woher diese plötzliche Wandlung? Sind denn den Geisteshelden der deutschen Morgenröte jene Hemmungen abhanden gekommen, welche kongeniale Naturen anderer Epochen dem akademischen Lehramt fernhielten: der Drang nach Unabhängigkeit und die Sehnsucht nach der ungestörten Ruhe des Studierzimmers? Nein! Sondern die Universität selbst hat eine innere Umwertung erfahren. Der Universitätsgedanke des deutschen Idealismus ist es, der ihr neues Leben bringt, der Gedanke, daß sie nicht nur die oberste Fachschule für die akademischen Berufe sei, sondern weit darüber hinaus die höchste Erzieherin der Nation; nicht Fachwissen zu vermitteln ist ihre letzte Autgabe, sondern Männer zu bilden, durchglüht von dem Idealismus der großen nationalen Erneuerung. Dieser Gedanke ward geboren in der Zeit nationaler Erniedrigung, er schuf die akademischen Freischaren des großen Freiheitskrieges und die Vorkämpfer für ein starkes, einiges Deutschland. Aber in dem Maße, wie das nationale Sehnen des deutschen Idealismus in Erfüllung geht, in dem Maße verliert sein Universitätsgedanke an Einfluß. Und heute ist die deutsche Universität tatsächlich kaum noch mehr als eine in ihrer Art freilich vorbildliche Fachschule. Darum steht sie auch im Begriffe, ihre Anziehungskraft auf die besten Köpfe der Zeit einzubüßen: der bedeutendste philosophische Geist ^des ausgehenden Jahrhunderts, Eduard von Hartmann, hat ebenso wenig Beziehungen zu ihr wie die starken dramatischen Talente unserer Zeit, und ein Wilhelm Ostwald tritt in der Vollkraft seiner Jahre vom akademischen Lehramt zurück. Und wenn es eines krassen Beweises für das totale Versagen der Hochschule als eines nationalen. Erziehungsinstrumentes bedarf, so sei an ihren kläglichen Mißerfolg bei der Organisation des Grenzschutzes erinnert. Es wird nunmehr niemandem zweifelhaft sein, daß nicht die deutsche Universität von heute, sondern die des beginnen-