Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 16 (1919)
- Issue
- Heft 1 (April 1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Opfer mancher llcbgewordenen Gewohnheit und mancher eingewurzelten Anschauung darf uns davon nicht abschrecken. Es besteht allerdings unbestreitbar eine große Schwierigkeit; die Eigenschaften, die eine Persönlichkeit zu einer jüdischen machen, sind noch kaum bestimmbar. Wer bürgt uns dafür, daß Eigenschaften, .die wir heute als jüdische in Anspruch nehmen, nicht von den Einflüssen, des Golus oder des Ghetto verbogen sind? Und andrerseits: können wir uns auch nur mit einiger Sicherheit den vorbildlichen [jüjdiscfiei* Tvp ausmalen, wie ihn die zukünftige jüdische Volksgemeinschaft in Palästina gestalten wird? Vorläufig bleibt uns als einziges Kriterium für die Verwerfung einer Eigenschaft, eines Brauches oder einer Anschauung als unjüdisch oder golushaft unser Empfinden. An dieser Stelle möchte ich aber vor einer Ueberschätzung .dieses Kriteriums warnen. Wir haben auf diesem Kartelltag Formen unseres Korporationslebens, wie die Kneipe, den Wichs, die unbedingte Satisiakiion, abgeschafft; die diese Abschaffung forderten, taten es mit der Begründung, daß diese Formen unserem jüdischen Empfinden widersprächen. Mag sein, daß dem tatsächlich so ist; das ist sogar wahrscheinlich. Aber wir sehen auch, daß diese aus dem deutschen Mittelalter stammenden Dinge auch in der deutschen Studentenschaft vor dem Hauch des neuen Geistes, der durch die Welt weht, ins Wanken geraten. Und wer kann sagen, wieviel von .unserer Abneigung gegen derartige Formen auf das Konto unseres jüdischen Empfindens, wieviel auf das des Einflusses jenes neuen Geistes -auf uns zu setzen ist? t Muß demnach unsere Erziehungsarbeit zunächst auf Züchtung und Klärung unseres jüdischen Empfindens geben, so ist eins sicher: dies kann unmöglich glücken, wenn wir unsere Bandesbrüder in die Enge der Korporation einkapseln wollten. Wir ordnen unser Kartell mit Bewußtsein aer zionistischen Idee unter; unsere Korporationen dürfen s'ch nicht Selbstzweck sein; sie sind vielmehr dem; nationalen Gedanken Reehenschatf schulaig. Könnten wir aber mit gutem Gewissen dies*e Rechen schuft ablegen, wenn wir uns als deutsch-jüdische Akademiker, als kleiner Teil eines kleinen Teils der gesamten Judenheit auf uns selbst verlassen? Groß wäre alsdann die Gefahr, daß wir durch unser abgesondertes l eben ien Anschluß an das Leben des Gesamtjudentums verlören. 1 Jnd unser Anspruch, der national-jüdischen Bewegung die Führer /u stellen, würde mit Xecht auf Mißtrauen und Unwillen stoßen. Was am meisten geeignet wäre, uns auf die falsche Bahn zu locken, wäre akademischer Standesdünkel. Noblesse oblige, auch auf'. geistigem Gebiete. Nicht Zurückhaltung ziemt uns, sondern Mitteilung. Beanspruchen wir auf Grund unserer höheren Bildung Führerstellen im jüdischen Volk, so müssen wir uns uneigennützig in den Dienst der unserer Führerhand anzuvertrauenden, an Bildung uns unterlegenen Schichten des ganzen jüdischen Volkes steilen. Schließen wir uns aber vom lebendigen Quell der gesamten jiation il-jüdisehen Bewegung ab, so werden wir nie die vorurteilsfreie, unbefangene geistige IJeueuegenheit gewinnen, die allein berechtigt, Führer im Judentum zu sein. Das praktische Programm unserer Verbindungen war bisher fast ausschließlich auf die theoretische Beschäftigung mit den jüdischen Fragen und aut die Keilarbeit abgestellt. Und das soll hier betont werde;!: Vortrage, Kurse, Fuxcnstunden usw. werden auch in Zukuult ein Hauptbestandteil unserer Verbindungsarbeit sein müssen. Eine sichere tue->retische Grundlage unser national-jüdischen Idee sowie Kenntnis,e uer jfjü»sehen