Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 15 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-11 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537730-3537735--4392-3542142- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Levinsofjn, Vom wahren Sinn der Gemeinschaft 157 heil:, sondern als einzelnen, ais Glied der Gesamtheit, als Wert an sich; es erwächst nicht ans der Sorge des einzelnen um den richtigen Weg zur Gemeinschaft, sondern aus dem Wunsche des einzelnen, ein nützliches Glied dieser Gemeinschaft zu sein, gleichgültig, wie nah oder lern es innerlich denen steht, die die Gemeinschaft bilden. Es handelte sich auf dem Jugendtag um die Frage nach der richtigen Auswahl derjenigen Werte, die wir der Erziehung des einzelnen zugrunde legen sollen. Die Beantwortung dieser Frage läßit aber die andere, ebenso wichtige und brennende völlig unberührt, in welcher Form diese Erziehungsarbeit geleistet werden müsse,, d. h. welche Rolle der Jugendorganisation als solcher hierbei zufalle. Warum muß» denn alles das, was auf dem Jugcndtag mit Recht als wertvoll hingestellt wurde, gerade inner« halb dieser Jugendorganisation verwirklicht werden? Gibt es in dieser Mauer keinen Rißt, um den man sich zu kümimern Hätte? Warum wurde Gerhard Scholem totgeschwiegen? Es ist das Problem der Gemeinschaft überhaupt, um das es sich hier handelt. Wir wollen doch einmal, auch wir K. J. V.-er, offen und ehrlich aussprechen, daß es dieses Problem für uns gibt, statt uns wie bisher über diese Dinge mit dem bekannten Optimismus hinwegzusetzen, der der Situation dadurch auszuweichen pflegt, daß er sie auf gewisse persönliche Differenzen von akutem Charakter zurückzuführen sucht Das Wesen der Sache finde ich in der Frage nach aem wahren Sinn der Gemeinschaft. Daß die Weihe einsamer Stundenf so reinigend und erleuchtend sie auf uns wirkt, uns aen Weg zur Ganzheit der Nation und des Volkstums zu eröffnen vermöchte, erscheint schon deshalb als ausgeschlossen, weil es immer nur wenige geben wird, die derartiger Erlebnisse überhaupt fähig sind. Wir haben aber nicht einen Kreis von Edelmenschen vor Augen, wenn wir uns die Erziehung dei national-jüdischen Jugend Deutschlands zur Aufgabe machen; wir wollen eben die Gesamtheit derer, die sich Zionisten nennen, zu Zionisten, d. h zu Juden machen, und wir fragen uns, wie die Organisation beschaffen sein müsse, um der Verwirklichung dieses Zieles in Wahrheit dienen zu können. Die Organisation, jede, auch das K. J. V., muß dem wahren Sinn der Gemeinschaft gerecht werden. Die Frage aber, welches dieser wahre Sinn der Gemeinschaft sei, kann auf zweierlei Weise beantwortet werden, je nach dem Maß von Aktivität, das man dem einzelnen bei der Gemeinschaftsbildung zuerkennt. Man kann einmal, von dem Gedanken ausgehend, die Situation unseres Volkes verlange die Erziehung des einzelnen derart, daß er möglichst an das Zusammenleben mit allen Volksgenossen gewöhnt werde, der Ansicht sein, daß der einzelne sich am besten in der Gemeinschaft derer zionistisch ausbilde, mit denen er durch Alter, Geschlecht und Beruf, also objektiv von vornherein verbunden ist. Diese objektive Auffassung vom wahren Sinn der Gemeinschaft verlangt von dem einzelnen, daßi er sich in diesen von vornherein gegebenen Rahmen einfüge; dieses Sicheinfügen erscheint dann als beste Ueherwindung derjenigen Einstellungsart des einzelnen zum Ueberindividuellen, die man als das Grundübel der gegenwärtigen Situation erkannt hat, des Individualismus. Daß man mit diesem Begriff recht häufig operiert hat, wo man einfach die Meinung des Gegners mißbilligte, erscheint nicht verwunderlich. Denn einerseits ist die richtige Erfassung dieses Begriffes schwie- .rig, andererseits bildet, er die Grenze, an der sich die beiden Auffassungen