Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 15 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5-6 (November 1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Stein, Wir und die andern 77 Wir und die andern*) Von Si egbeit Stein (V. J. Sf. Ha^rm naea A. H) In Berlin hat man die Verständigungsgemeinschalt der jüdischen Jugend totgeschlagen. Im Felde wird man über diesen Gefecritseriofg wenig erfreut sein. Nicht gerne hebe ich den Unterschied zwischen den im Felde Stehenden und den zu Hause Gebliebenen hervor. Aber schließlich wird jede praktische Stellungnahme mehr durch Gefühle als durch Nachdenken bestimmt, und, da scheint es mir, daßwir draußen in unserer jahrelangen Einsamkeit ein anderes Gefühl unseren jüdischen Brüdern gegenüber gewonnen haben, als es uns früher in den .hoffentlich nun erledigten Parteikämpfen innewohnte und wie es die vpn uns naturgemäß noch haben müssen, die unsere Erlebnisse nicht teilten. Wer jemals die Freude erlebt hat, nach wochenlanger Abgeschlossenheit wiedei einem Juden zu begegnen — und sei es der ärmlichste und kümmerlichste —, wer das Glück empfunden hat, für Stunden bei reit aus der Welt der Roheit 'und des Hasse? ein Wort der Liebe und des Geistes* aus jüdischem Munde zu hören, der kann niemals wieder in jene Regionen des Parteihochmutes und des häßlichen Kampfes gegen Juden hinabsteigen. Und wenn uns diese Gefühle beseelen, so ist es verständlich, daß wir — zunächst ganz abgesehen davon was Verstand und Ueberlegung dazu sagen — der vorgeschlagenen Gemeinschaft mit ganz anderen Empfindungen gegenüberstanden als sie unsere offiziellen Redner hatten, die das Werk zu Fall brachten. Der ganze Vorgang zwingt uns, die Frage der Stellungnahme der deutschen Zionisten zur jüdischen Gegenwartsarbeit aufzurollen. Unsere jetzige Politik leidet in diesem Punkte an Unklarheit und Inkonsequenzen. > Die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Zionismus beruhten letzten Endes in der Verschiedenheit der Auffassung, in welchem Tempo der, Zion smus verwirklicht werden könne. Hätte der politische Zionismus der ersten Zeit recht gehabt, hätte er wirklich mit einer riesigen Anstrengung das ganze Gebäude aufführen können, so wäre es lächerlich gewesen, s;ch noch um Arbe'ten in der Diaspora zu kümmern und so die Kräfte zu zersplittern, die das große Werk in wenigen Jahren schaffen konnten. Der politische Zionismus hat nicht recht behalten, der prak-l tische Zionismus hat ihn abgelöst, der Verteidiger des langsamen Tempos»! per praktische Zionismus hat aus seiner grundsätzlich verschiedenen Stellung die Folgerungen" gezogen, daß er die Methode der politischen Arbeit tind die Methode der wirtschaftlichen Arbeif^rn~^^Iä^tfna:^e1m~clert hat. Damit aber hat er TcrT^ünäcrist "£e^iigr,^öbwö begnügen durfte. Er sagte seinen Anhängern, sie müßten noch jahrzehntelang auf Palästina warten, gab ihnen aber nichts, womit sie die Wartezeit ausfüllen sollten. ^Die organisatorisch-zionistische Arbeit allein tut es erfahrungsgemäß nichO So entstand jene geistige Leere der deutschen Zionisten, unter der wir heute noch, leiden. Sie soll das kulturelle Pro-grämrn^ beheben, das sich heute durchgesetzt hat und clel^n^p^ *) Wenn auch der aktuelle Anlaß dieses Artikels — das Scheitern der Verständigungsgemeinschaft — nicht mehr aktuell ist und obwohl' auch das, was Stein über das Tempo der Verwirklichung des Zionismus sagt nicht mehr stimmt (der Artikel ist im Sommer geschrieben), so schien mir sein Abdruck doch noch wichtig, da die Frage, wie die zionistische Organisation sich zu den deutsch-jüdischen Verbänden verhalten soll, an Wichtigkeit nicht verloren, in gewisser Beziehung sogar gewonnen hat. ec