Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 15 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3-4 (September 1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Kutzinsfo, Arthur Pelz 57 In Breslau trat er hervor, weil er es mußte. Und damit tritt uns. eine seiner rührendsten Eigenschaften entgegenr seine Bescheidenheit - Nicht daß er sich seines Wertes nicht bewußt gewesen wäre, aber er gab sich die richtige Stellung zur Welt; er lernte frühzeitig seine Bedeutung und Notwendigkeit für das, was ihn .erfüllte und was ihm zu tun blieb, erkennen. Doch er blickte mit neidloser Hingebung und Bewunderung zu denen, auf, die ihm an Reichtum der Gestaltung und Phantasie überlegen waren. Mit freudigster Genugtuung nahm er den für unseren gemeinsamen Lehrer Zlocisti geprägten Ausdruck „Freund und Meister" auf. — Mit den Beziehungen zum ^Leister beginnt eine neue Epoche seines Lebens, die ihn für seine eigentliche Lebensaufgabe vorbereitete- Er war ein Jahr nach dem Staatsexamen in Berlin zur Ausbildung. Hier betätigte er sich zwar wenig im praktischen Zionismus oder im Kartell, aber im Austausch der Gedanken über die Grundfragen unserer Voikswcrdung wuchs seine zukünftige Lebensführung in aller Deutlichkeit heraus. Den Kern seiner Persönlichkeit bildete die Tat, die Umsetzung in bewegtes Leben. Alle Vorstellungen erschienen ihm starr und kalt, alle Phantasiegebilde schattenhaft, wenn sie nicht zu Wirklichkeiten gestaltet wurden. Er besaß die Kraft und Freude zur Wirklichkeit, wie sie sich in seinem hellen, strahlenden Lachen symbolisierte. Auch seine wissenscbalt- I/.che Arbeit hatte im wesentlichen Probleme zum. Inhalt, die auf das reale Geschehen, auf das Helfen und Tun hinzielten. Dabei erfüllte ihn jene unbedingte Hingabe an das Werk, die alles Kleine adelt und alles Große heiligt.; Der Reichtum seiner realen Gestaltungskraft zeigte sich erst nach seiner vollendeten Reifung, in jener Zeit, die einen Aus-gleich zwischen den 'Forderungen des Ideals und des Lebens verlangt. Er schuf einen solchen Ausgleich, ohne zu einem Kompromiß zu kommen. Er entschied sieh, ohne zu resignieren. Leben und Wirken in und für Zion verschmolzen ihm zu einer unauflöslichen Einheit. Und schon dämmerte die Erfüllung und es war, als quollen neue Freude und neue Kraftquellen hervor. Er (hämmerte sein Leben und sein Werk, soweit er nicht durch, exogene Momente, die außerhalb des Realen lagen, gehemmt wurde. In jener Zeit prägte er als Symbol seines Berufes das schöne Wort: „Ich knete Menschen". Im prometheischen Gefühl seines Könnens~glaubte er, daß die Individualität allein allem menschlichen Tun die Richtung wiese. Damals wurde ihm seine Eignung zum Menschenbildner und Menschen rubrer in aller Helligkeit bewußt. So gering, ohne ihn zu unterschätzen, im Verhältnis zu dem Potentiellen seiner Persönlichkeit sein Wirkungskreis war, so klar war es dem ihm Näherstehenden, welcher Reichtum in ihm lagerte. Wer ihn kannte, wußte, daß alle äußeren Anerkennungen kein hinreichendes Aequivalent seines wahrhaften Wertes darstellten. Als er Privatdozent wurde, schrieb ich ihm: „Du brauchst nicht mehr Dozent zu werden, denn Du bist über derartige Dinge weit hinaus gewachsen." Die strahlende Lebendigkeit seines Wirkens, seine verständnisvolle, gütige und doch so kritische JEiniühlung in fremde Seelen, die ihn zum Freund und Tröster seiner Kranken, zum Berater und Führer unserer Jugend machten, übten jene geheimnisvolle Wirkung aus, der sich keiner entziehen konnte, welche Stellung er auch zu seiner Fassung und Deutung aller Lebensinhalte haben mochte.