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Der jüdische Student · 1918-09-01 · Heft 3-4 (September 1918) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
15 (1918-1919)
Issue
Heft 3-4 (September 1918)
Date
1918-09-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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Landauer, Satisfaktion und Kneipe 47 zti üben. Das ist nichts spezifisch Deutsches, sondern als primitivpsyehiSfche Reaktion allgemein menschlich und bei allen Völkern in der Zeit ihrer -Jugend als erster Rechtszustand in Geltung gewesen. Das Duell selbst ist ein Rest des Gottesgerichts. Daß wir nun aber formal in den Sitten unseres Lahdes verkehren, ist nur natürlich und gerade deshalb unmöglich anstößig. Oder ist es -assimilatorisch, wenn das Kind durch Hutabnehmen grüßen oder wenn es etwa Fußballspielen lernt? Dazu kommt der bedeutende erzieherische Wert des Fechtens wie des ,jAntretens". Gleichwohl1 lehnen wir die Bestimmungsmensur ab. Sestimmtingsmensuren schlagen heißt den erzieherischen Sinn zum Endzweck machen, das sind Mensuren um ihrer selbst willen, oder wie die Lage heute in der deutschen Studentenschaft ist: Fatzkerei. Das alles wünschen wir nicht. Uns ist^ die Mensur, das gerechte Mittel, unsere angetastete persönliche, unsere jüdische Ehre in den Augen der Gegnerschaft hochzuhalten. Jeder Weg, der zu diesem Ziele führt, entfernt sich dadurch in seinem Wesen von der Assimilation, er trägt in sich den Kern bewußter und betonier Jüdischkeit. Keine Bemühung aber, die der Hochhaitung, das ist auch der Erhaltung des Judentums dient, darf assimifantisch geheißen werden. Sondern wir begrüßen sie als ein Mittel, unser Programm zu verwirklichen, die körperliche und geistige Ertüchtigung, die Anerkennung der jüdischen Studentenschaft zu fördern. Ist die Satisfaktion mehr eine Aeußerung der Polemik, der Selbstbehauptung, weil wir uns unserer Haut wehren, nicht der Spielbali fn den Händen der andern sein wollen, so müssen wir die Kneipe als einen Weg ansehen, unsere Position gegenüber dem Assimilationsprozeß zu stärken, geeignet, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu beleben und zu erwecken. Das Charakteristische unserer Kneipe ist der gemeinsame Trunk und das gemeinsame Lied, nicht zuletzt die ungezwungene Heiterkeit. Gewiß, in den deutschen Studentenkreisen, in denen diese Form heimisch ist, da ist es der Kneipe ergangen wie der Mensur: sie ist entartet. Aber wir weisen diese Gelage ab und diesen Trink- oder Trunkenheitszwang; gerade die Mäßigkeit ist eine jüdische Tugend. Der gemeinsame Trunk jedoch und das gemeinsame Lied ist nichts, was wir den Antisemiten absehen müßten. Sie sind so jüdisch wie sie deutsch sind, wie sie griechisch und römisch ware-n. Und nicht anders geht es auch bei echt jüdischen Festen zu, deren Unabhängigkeit von Assimilation über jeden Zweifel erhaben ist. Wer nur einmal eine Hochzeit unter den strengstgläubigeii Juden Rußlands mitgemacht hat, Weiß, daß sich die Feier von unserer Kneipe fast nur durch den Bezug auf die Gelegenheit und durch das Fehlen des Chargierten unterscheidet, ja manche Lieder kommen sogar inhaltlich den unsrigen recht nahe. Uns ist es nicht um die Form der Kneipe zu tun, uns liegt an ihrem Sinn. Ein wie wirksames Mittel, Freude und Freundschaft ins Leben zu rufen, ist doch dieser Zutrunk und das Vereinigtsein im Liede. Wir empfinden den Bann der Einheit, den Zauber, der von der Gemeinschaft ausgeht. Der einzelne fühlt sich nur noch als Mitglied, als Genosse; der Aeltere ist mit dem Jüngeren jung, und dem Jungen ist es eine Herzens:- stärkung, sich mit dem erfahrenem Genossen in Freude und hochgemuter Stimmung einig zu wissen. Gegensätze schwinden, neue Beziehungen entspinnen sich. Wir erleben die jüdische Gemeinschaft.

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