Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 15 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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10 Rosenthaf, Ist unser. Korporationsleben wirklich reformbedürftig? der Stützen — und das sind ja die Formen - herangehen. Was wir wollen, müssen wir wissen, nicht was wir sollen, uns von anderen, jüngeren sagen lassen. „Jede folgende Generation übernimmt als Erbgut den geistigen Besitz der vorangegangenen. Von ihm geht sie als etwas Selbstverständliches aus", sagt Erich Cohn. Das ist richtig, aber nur zu|m iTeil. Ohne diese Erscheinung wäre ein Fortschritt aer Menschheit nicht möglich, und doch mußi jeder einzelne sich den geistigen Besitz seiner Vorfahren neu erwerben, irrend und strebend, will er ihn nicht gedanken- und kritiklos übernehmen. Wie das Embryo im Mutterleibe durchläuft jeder einzelne die ganze Reihe der Entwicklung. Zugegeben, das Gros der jüngeren Generation sei in seiner jüdischen Entwicklung mit achtzehn Jahren weiter, als wir es im gleichen Alter waren, ist es darum weiter als wir heute, daß wir uns bereitwillig den mühsam erkämpften Besitz von ihm über den Haufen werfen ,assen? Wir sind doch wirklich keine Greise, die das Heft aus der Hand geben, stehen doch noch lichterloh brennend mitten im Fluß der Dinge. So lächerlich mir die Superklugheit der „Aelteren", so lächerlich ist mir jder übertriebene Respekt vor den „Jungen". Lassen wir die Schranken fallein, die die Experimentierversuche jeder neuen Generation an dem von uns doch mit bestem Willen und Streben gefügten Bau hemmen, dann werden wir sehen, wie herrlich, weit wir es bringen werden. Doch zum Thema. Was ist uns die Korporation? Sie ist uns nicht Mittel zu dem Zweck, mit schönen Jugenderinrierungen ins Philistertum zu reisen, das gilt als unumstößlicher Grundsatz, und doch können wir an der Tatsache nicht vorüber, daß das Leben in ihr unsre schönsten, fruchtbarsten Jahre erfüllt. (Wohlgemerkt, ich spreche nicht vom K. J. V., sondern von der Korporation des Aktiven.) Sie muß also einmal den Anforderungen der Jugend gerecht werden. Dann hat sie aber auch eine höhere Aufgabe im Dienste der Idee. Sie sofl eine Elitetruppe (nicht nur Offiziere, denn jeder eignet sich nicht zum Führer) des jüdischen Volkes heranbilden, einen „heiligen Frühling". Da hier nur von den Formen gesprochen werden soll, kann ich mich bei dem ersten Punkte kurz fassen. Dem1 physischen und psychischen Emotionsbedürfnis ist Rechnung zu tragen durch anregende Fuxenstunden und Kurse, zwanglose gemeinsame Nachmittage, gemeinsame Ausflüge und Wanderfahren und sportliche Betätigung. Auf diese Weise finden sich Gleichgesinnte am ehesten und Freundschaften sind eigentlich das wertvollste, was man aus dieser Zeit mitnimmt. Ueber aie bei diesen Dingen herrschenden Formen bestehen ja keine Zweifel, wohl aber bei der so arg verketzerten Kneipe, auf die ich nicht verzichten möchte. Daß sie unbedingt mit „Saufsitten" verknüpft ist, glaubt Goldenberg doch wohl selbst nicht. Der Satz: Jajin ssamach l'waw enosch bezeugt doch, daß unsre Ahnen auch ein wohlwollendes Verständnis für die Sonnenr glut des. Weins gehabt haben. Wenn ich der Bowlenkneipen in der Ruder* abteilung gedenke — uncl von Heidelberg; erzählt man sich ähnliches —, dann überkommt mich heute noch eine frohe Stimmung. Tatsächlich hatte es sich doch bei uns — wofern die Kneipleitung nicht ganz unvier*