Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 14 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-12 (März 1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 89? - Unsere Jugendzeit im K.J. V., oder ich muß vielmehr sagen : im B. J. C, war ausgefüllt mit den Tendenzkämpfen, d. h. mit der Durchsetzung des zionistischen Programms und zionistischer Erziehungstnethoden. In diesem Kampfe lebten wir uns aus, in ihm gab der Z'v" :smus damals sein Bestes für uns her. Er erfüllte uns ganz un4 i ci5 kein Gefühl der Leere zurück. Aber diese Kämpfe sind ausgekämpft und die Fusion mit dem K. Z. V. hat das Siegel unter das Errungene gedrückt. Der Zionismus wäre keine lebendige Bewegung, wenn nicht eine neue Zeit neue Probleme erzeugen würde. Diese neuen Probleme sehe ich , eben in der Forderung, das Haus, dessen Rohbau wir aufgeführt haben, nunmehr unserem Stande entsprechend einzurichtenalso jenen Nationalismus, dessen gedankliche Umrisse gezogen sind, mit Leben zu erfüllen. Auch das ist charakteristisch für die neue —— bessere — Zeit, daß die Probleme, die wir jetzt zu lösen haben, keine spezifischen K. J. V.-Probleme mehr sind. Jene Tendenzkämpfe und erst recht alles was ihnen voranging waren ausschließlich Angelegenheiten der im B. J. C vereinigten Menschen. Seit damals aber ist der Zionismus viel umfassender geworden, (u. a. dadurch, daß er sich über mehr Generationen erstreckt,) und es sind andererseits auch — durch Umstände, die näher darzustellen sich einmal lohnen würde — die Mauern gefallen, die in gewissem Sinne unsere Korporationen von der großen zionistischen Welt abschlössen. Kräftiger schlagen die Wellen der zionistischen Bewegung zu uns herein, und mit unserem korporativen Stilleben ist es zu Ende. Vielleicht ist die Entwicklung des Blau-Weiß, der uns jetzt als e i n Repräsentant der neuen Zeit und als eine selbständige Größe entgegentritt, etwas schnell gegangen. Ein Argument gegen ihr^ist das jedenfalls nicht. Zu erklären wäre es aus den Kriegsverhältnissen. Der Krieg ist zwar keineswegs der Vater aller Dinge, aber er bringt Entwicklungen, deren Keime vorhanden sind, zu rascherem Reifen. Wir stehen heute in jüdischen (wie in anderen) Dingen da, wo wir sonst erst nach Jahren gestanden hätten.*) So bedeutet die Blau Weiß-Bewegung nur einen Teil jener allgemeinen Bewegung, die den Zionismus erfaßt hat, und die sich uns teils im Hebraismus, teils in dem persönlichen Streben nach Palästina, in den Settlement-Versuchen und sogar auch in dem Verlangen nach einer jüdischen Gartenstadt darstellt. (Ungefähr all diese Dinge kann man, mit Witkowsky, dadurch ihr symptomatischen Bedeutung zu entkleiden suchen, daß man nachweist, mancher habe sie schon früher gewollt oder für sich betrieben. Aber es ist etwas Anderes, ob ein Einzelner seiner Zeit voraus ist, oder ob die anonyme Menge etwas -zur Forderung und Notwendigkeit des Alltags macht). Wenn sich nun der Angriff gegen unsere korporativen Formen richtet, weil sie kein kongenialer Ausdruck unserer jüdischen Seele **) Es sei hier die Anmerkung untergebracht, daß an der jüdischen Turnerschaft die Weltgeschichte leider spurlos vorübergegangen ist. Ein Beweis dafür, daß in ihr keine Keime schlummerten, daß sie noch kein Teil der nationalen Bewegung geworden war. Die glänzendsten Turnfeste können eben den unscheinbarsten Fuxenunterricht nicht ersetzen. Die Turnerschaft muß nach dem Kriege auf radikal neuer Basis aufgebaut werden.