Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1917-11-01 · Heft 6-9 (November 1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
14 (1917-1918)
Issue
Heft 6-9 (November 1917)
Date
1917-11-01
Page
[Seite] (sequence 42)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537721-3537728--4159-3541904
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

42 Der Jüdische Student messen können. Nun sind aber diese innersten Dinge nur sehr schwer begrifflich zu fassen, und so kommt es, daß wir nur .allzu oft: von jenen Randproblemen sprechen, wenn wir uns über die Dinge verständigen wollen, die uns zuinnerst angehen. Wir, die wir der jüngsten Generation angehören, müssen aber einmal von einigen Dingen reden,, die uns wirklich bewegen, und darum müssen wir doch einmal die Fundamente berühren. Es igibl eine Tragik der Nationen, welche alle Opfer, die der Einzelne der Gemeinschaft bringt zum Schlechten verkehren kann. Ein Beispiel: die russische Revolution. Seit Jahrzehnten hatte die russische Jugend für sie jedes Opfer gebracht, jedes Leiden gelitten. D.enn diese Jugend erkannte klar, daß es nur diesen einen Weg gebe, den kranken Körper ihres. Volks zu heilen. Nun ist die Revolution da, aber der Weg endet blind« Es ist eben die Tragik des russischen Volkes, Wege zu sehen, aber nicht das Ziel. Anders das Schicksal unserer großen Männer im Galuth. Von. JBörne bis Bernstein sahen sie alle das Ziel: die Erlösungder Menschheit,, die Verwirklichung des Geistes. Was sie aber vergeblich suchten, das war der Weg, die höchst reale Möglichkeit, auf festem Grund Schritt für Schritt diesem Ziel entgegenzugehen. Es ist eben die Tragik des jüdischen Volks im Galuth, das Ziel zu sehen, aber keinen Weg. Aber Gallith her deutet doch die Verwirrung, bedeutet das Tohuwabohu, und Zionismiusr. bedeutet doch Erlösung vom Galuth. Erlebt auch diese Bewegung die Galuthtragik, weist auch sie uns ein Ziel, ohne uns den Weg zu zeigen? Oder sehen wir darum keinen Weg, weil kein Führer da ist, uns zu führen? Blumenfeld, dem es oft gegeben ist, das aussprechen zu können,, was wir mehr oder minder klar fühlen, hat auch hier das Entscheidende gesagt: „Es wird eine führerlose Zeit kommen. jeder iwird zugleich Führer und Geführter sein." Man hat ja oft gesagt, daß die junge Generation in Blumenfeld ihren Führer sähe. Sie sieht in ihm aber nur eine Illustration zu diesen Worten. Er ist vielleicht ein „Wegweiser'*', im eigentlichen Sinne des Wortes, d. h. er weist eine Richtung, ohne sie selbst zu gehen. Zu führen, überhaupt zu wirken, gibt es aber nur eine Möglichkeit: durch das Beispiel. So sieht es von außen gesehen allerdings so aus, als ob es auch im Zionismus nur ein Ziekohne Wege gäbe. Aber wir wissen es besser. Wir erleben, wie unsere Bewegung uns vorwärtsreißt, uns, „ihre Träger, vorwärtsträgt", in einem Tempo, das fast schwindelerregend ist. Wir wissen, daßes! zwar keine vorgezeichneten Wege gibt, daß sich aber jede Generation den Weg selbst bahnt, da ansetzend, wo die alte Generation endigen mußte. Ein Beispiel: Auf dem vorigen K. J. V.er-Tag hat Salli Hirsch den Satz ausgesprochen, daß, wie oer Deutsche das Bewußtsein hat „daß am Kern des deutschen Wesens, die Menschheit genesen müsse," auch wir Juden uns mit einem ähnlichen Bewußtsein erfüllen müßten. Unklar war dieser Ausdruck und fast imverstänolich. Ein Stück von jenen Analogien, aus den Abstraktionen des europäischen Nationalismus unseren jüdischen konstruieren zu wollen, steckt auch noch in dieser Fassung. 1 L :

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.